Twin Shadow – Forget

Der Regen lässt einfach nicht nach. Dein Wohnzimmer wird zur Oase. Draussen kann man nur noch mit Schirm unbeschadet davonkommen. George Lewis Jr. versucht die letzten Sonnenstrahlen in Coolness zu packen. Doch er weiß, dass nun die Dunkelheit den Tag versifft. Neonlichter werden gesetzt.
George tanzt sich selbst umarmend durch die Nacht. Man sollte sich schon selbst lieben, um anderen zu gefallen. Wenigstens so tun. George arbeitet mit seiner Stimme, die vage an Edwyn Collins erinnert, aber auch die Sehnsucht eines Bryan Ferry drauf hat. Um sie rum baut der Mann aus Brooklyn ein schwülstiges 80er-Wavegerüst. Die Toms wirbeln schon mal locker über die Statik. Man hat ständig nackte Schaufensterpuppen vor Augen. Frag mich nicht warum!
Die Synthesizer schwofen in langsamen Bahnen. Romantik wird wieder groß geschrieben. Pop bleibt ein Zitat und der Adressat bekommt ein Paket zugeschickt, dass mit dem “Vorsicht zerbrechlich”-Aufkleber bestückt ist. Flangergitarren deuten nur an und lassen George genug Platz, um sich zu entwickeln. Auch wenn mal das Tempo angezogen wird, bleibt George ruhig und stellt sich hinten an. Er streichelt nur, er haut nicht. Der Wave liegt mit offenen Armen in der Hängematte, Knalleffekte verkörpern das Feuerwerk der Herzen und den Schmerz. Das hat ja bei Hurts schon geklappt und hier klappt es auch. Wie ein zerschossener Simon LeBon strauchelt George durch seine Songs, die auch schon mal leicht angezickt und unbemüht funky klingen. Wie ein sauberer Teppich liegen die Noten unter Georges Stimme. Er lässt den Beat nie aus den Augen und gibt sich der Liebe hin.
Twin Shadow
Altmodisch ist Twin Shadow und doch zieht eine gesunde Frische durch die Stücke. Der Refrain bleibt das Ziel, auch eine durchgezogene Bassdrum versucht nicht nur Stadion zu sein, sondern auch MTV-Video. Morrissey wird wohl mit offenen Öhrchen jeden Seufzer in sich aufsaugen. Britischer New Wave kommt aus Florida und hat ein neues, hübsches Gesicht. Gerade die fixeren Nummern ziehen einen in ihren Bann. Frischer als Zoot Woman und nicht so gestelzt wie Hurts. Twin Shadow schafft es mehr Leben in die Songs zu drücken. Keine Posse, keine Kajalverwischer. Die große Geste, das große Gefühl und der Hit liegen im Fokus. Staubig sind nur die Ränder, wenn der Drumcomputer oder die so klingenden Drums zu steril hinter den Perlen kleben.
George ist ein Abenteurer und Erzähler, doch er lässt nicht den verunsicherten und schüchternen Singer-Songwriter raushängen. Er ist mehr eine Barfly, die noch mit orangefarbenen Oldschool-Kopfhörern am Tresen verweilt und tief in ihr Glas schaut. Zwischendurch steht er kurz auf und schmiegt sich an sich selbst. Ein wenig selbstverliebt, doch nicht unsympathisch. Mit “Slow” gibt es die Edel-Mega-Ballade, die einen schon mal aus der Lethargie der Revolution kickt. Eine einfache Schönheit.
Erschienen bei Terrible Records

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