Mutter – Trinken Singen Schießen

Alle kennen Mutter. Alle lieben Mutter. Alle sind Mutterexperten. Deshalb hat man auch zu wissen, dass sage und schreibe sechs Jahre vergangen sind seit ihrer letzten Veröffentlichung namens „CD des Monats“. Ständig hörte man in den letzten Wochen zu wissendem Kopfnicken erwartungsvolle Äußerungen à la: „Ja, in die neue Mutter muss ich auch unbedingt mal reinhören.“ „Gehen die auch auf Tour?“
Ich gehörte nie zu diesen Experten. Mutter ist all die Jahre ohne zu fragen an mir wortlos vorüber gegangen. Und ich habe Mutter keine Aufmerksamkeit geschenkt. Die Schuldfrage bleibt ungeklärt.
Nun ist Mutter auf Umwegen sogar bei mir angekommen. Endlich kann ich mitreden. Max Müller singt uns auf „Trinken Singen Schießen“ mit einer Verve entgegen, wie ich es mir als Ahnungsloser nie von ihm wünschen konnte, wie ich es aber z.B. bei Schorsch Kamerun schätze. Das ist schon mal sehr schön. Schnell wird offenbar, dass die Band musikalisch ausschließlich mit konventionellen Waffen kämpft. Die Untiefen des Rock sind für eine unangepasste Band also immer noch breit genug, um sich auf exzentrische Art zu entfalten. Auch gut zu wissen. Denn es funktioniert überzeugend.
Das Wort ist hier natürlich der spitze Speer, mit dem jede konventionelle Attitüde behände durchbohrt wird. Das scheint auch nach Jahren recht gut zu gelingen. Einfache Akkordschemen werden mit probaten Hausmittelchen der Anklage aus Großmutters speckigem Geheimbüchlein aufpoliert. Das Tafelsilber der Irritation glänzt wieder.
Mutter 2010
Und die alte Fahne künstlerischer Freiheit ist ohne jede Angst am höchsten Mast gehisst. Der Sturm kann kommen. Nein, der Sturm wird kommen. Das ist so sicher, so sicher wie die Revolution. Und so erklimmen Mutter final ein kleines Arbeiterkampfliedchen sogar mit Bläsern im Gepäck. Ein frischer Herbstblumenstrauß als unverhofftes Präsent erhellt meinen trüben Tag.
Und der Chor stimmt ein: „Denn diese Welt ist nicht gerecht zu dir und sie sagt nicht Dankeschön.“ Dafür sage ich Dankeschön, denn ich habe alles bekommen, was ich von Mutter eigentlich nie erwartet habe. Ich fühle mich in die Familie aufgenommen. Die unerwarteten Geschenke sind doch immer die schönsten.
“Trinken Singen Schießen” ist im September bei Die eigene Gesellschaft erschienen.

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