Deerhunter – Halycon Digest

Du liegst in der Wanne und tauchst kurz unter. Deerhunter haben schon mal angefangen. Mit noch schaumigen Ohren beginnt “Halcyon Digest”. Wie auf Watte huscht “Earthquake” durch dein Wasser. Mittendrin geht der Dampfer kurz unter. Der Stöpsel wird gezogen und du frierst. Du lässt langsam Wasser nach. Plätscher! Dieses Flüstern kommt doch aus deinem Abfluss.
Eine Gitarre zerlegt sich kurz selbst. Dann ist Schluss. Nein, es geht über. Das ist ein Unterschied. “Don’t Cry” ist schelmischer Zitatpop, der die großen sechziger Jahre-Helden beklatscht und dennoch aktuell und entstaubt klingt. Auch hier gibt es diese typischen Bradford Cox-Momente. Der Spalt, um Licht in die Garage zu lassen oder ein saftiger Verspieler, der wohl Liveatmosphäre symbolisieren soll. Den lassen wir mal drin! Ist doch schön menschlich! Stimmt!
Die Sonne wärmt dein Badezimmer nun. Wechselbad der Gefühle sozusagen! Fuzzgitarren quietschen und der Sommerbeat fühlt sich wie der von den Strandjungs an. Doch das Surfbrett wird einem Warmduscher, nehmen wir hier als Beispiel Jack Johnson, über die Birne gezogen. Die stolze Bassdrum in “Desire Lines” türmt sich gegen den Schönklang auf. Mit dem Bade-Ernie malst du Dreampop auf die Fliesen. Eine akustische Gitarre kann rockig sein. Hängt von den Aufklebern ab. Deine Haut schrumpelt, doch Deerhunter lassen dich nicht aussteigen. Eine leicht verstimmte Gitarre verstärkt den Pilzrausch. Oder Pils?
Deerhunter
Deerhunter klemmen sich hinter ihre Songs. Nur die stehen im Mittelpunkt. Der Song ist die Mutti und der One Night Stand zugleich. Der Rhythmus holt tief Luft und spiegelt sich im Duschvorhang, den du zwischen die Stange geklemmt hast. Cox drückt dich noch mal unter Wasser. Du schluckst seifiges Wasser und beim Husten kommen Blasen aus deinem Mund. War das ein Angriff oder ein Liebesbeweis?
“Basement Scene” gibt John Lennon die Brille zurück. Nur Originale sollten diese noch tragen. Also weg damit! Traumsequenzen erinnern dich an Landschulheime, feuchte Träume, Fummeleien und Air. Bradford Cox bleibt der schüchterne Boy mit der großen Seele und den kleinen Problemen. Seine dünnen Ärmchen sind schon extrem. Marfan-Syndrom. Scheiß drauf! Machst du halt den “Helicopter“. Lässig, fast schon undramatisch lässt er alles geschehen. Türme bauen sich auf, doch Cox schmeichelt sie weg. Dunkelheit war gestern. Die Sonne darf wieder ein Gesicht bekommen, Velvet Underground eine Bananen-Band sein und Verletzlichkeit eine Stärke. Der Noise ist verflogen, dem Shoegaze sind die Schnürsenkel geklaut und ein Album des Jahres ist aufgenommen worden. Punkt! Dein Bademantel hat Streifen. Sexy!
Erschienen bei 4AD  Das Album kann man hier anhören.

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