El Guincho – Pop Negro

Zuerst musst du den Schulp entfernen! Das Tintensäckchen vorsichtig abtrennen. So jetzt kann es fast schon losgehen. Dein Pulpo grinst noch ganz süß. Mit dem Holzhämmerchen machst du ihn mürbe! El Guincho liebt das sommerliche Gefühl, die olivenölgeschwängerte Luft und den Knoblauchgeschmack im Rachenraum. Seine Steeldrums spielen locker den Beat des Sommers. Hola und Hallo!
Seine Stimme ist nur Beiwerk und gibt den Tracks noch mehr Sonne. Auf Spanisch singt es sich so schön. Die Polyrhythmik lässt dich an der weißen Papiertischdecke zupfen. Um dich herum ist es laut. Die Großfamilien sitzen in gemütlicher Runde. Die Omis rauchen Ducados, die Kinder riechen nach Nenuco, die Väter reden über Rauls Wechsel und die Muttis sind schon wieder schwanger. Du feuerst den Grill noch einmal nach. Gleich kannst du ihn belegen.
El Guincho aus Barcelona gibt den Unterhalter. Seine Tracks schieben sich luftig mit Santana-Gitarren zwischen deine Tapasvariationen. Die Kinder tanzen. Doch nicht der Flamenco ist sein Augapfel, sondern eine Mischung aus Dub, Samba und Afrobeat. Ein knackiges Handclap begleitet dich zum Strand. Hier sitzt man mit Calimocho bewaffnet im Sand und turtelt mit den Dorfschönheiten. Die Jungs tragen ihre Hemden offen und zeigen ihre Muschelkettchen. Die Mädels haben immer noch feuchtes Haar und diese dunkle Bräune, die du wohl erst nach Jahren erreichen wirst. Jemand schreit “Tropical” in den Wind.

El Guincho

Pablo Díaz-Reixa ist  ein Dienstleister mit Anspruch. Natürlich möchte er unterhalten, doch seine Tracks haben nicht immer nur die Fiesta im Sinn. Viele kleine Details luschern durch das Sommerparadies. Avantgarde sagen die einen, Weirdness die anderen. Einige Samples zerschellen, Saxophonsoli fliegen auf der Vespa vorbei. Die Beats kumpeln kurz und geben trotzdem konsequent die Richtung vor. Bleib nicht zu Hause im Sommer. Pablo Díaz-Reixa aka El Guincho hat “Pop Negro” drei Monate lang in Berlin produziert. Dann ging es zurück. Auf Gran Canaria verdingte er sich als Surflehrer, um genug Geld zusammenzubekommen. So konnte er nach 18 Monaten sein “schwarzes” Popalbum fertigstellen.
Hier treffen sich nun ein Musikliebhaber, der dem Sommerbeat frönt, der Melodien abgöttisch verehrt, der einen neuen Mix bevorzugt, als wieder nur ein “spanisches” Album zu machen und ein Reisender, der mit offenen Augen und Mund durch flip-flopresistente Sandburgen eiert. Die Party des Jahres kann beginnen, auch wenn der Herbst schon vor der Tür steht.
Erschienen bei XL/Beggars Group

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