The Walkmen – Lisbon

“You’re with someone else tomorrow night/ Doesn’t matter to me/ ‘Cause as the sun dies into the hill/ You got all I need.” Puh, da schlackern deine Ohren! Man muss auch mal gönnen können. Dein Blut pulsiert, das Schlagzeug spielt wild auf und strandet auf einer einsamen Insel. Was hast du mitgenommen? Hast du deine fünf Lieblingsalben eingepackt, als du aufgebrochen bist?
Hamilton Leithauser hat sich seine Liste auf die Hand geschrieben, doch das Salzwasser hat alles weggeätzt. Was bleibt sind die Erinnerungen, das Gefühl und die Panikattacken. Das Blut bleibt blau, da ist es ganz egal, ob du deinen Wappenring in den Untiefen des Meeres verloren hast. Alles steckt in dir. Fahr aus deiner Haut! Der Himmel ist auf deiner kleinen Insel irgendwie näher, als auf dem Balkon deiner Stadtwohnung.

The Walkmen

The Walkmen aus New York suchen nach Stilblüten, nach Lücken, nach Verzierungen und großen Gefühlen. Schlagzeuger Matt Barrick wirft sich mit allem was er hat in die Fluten. Er übertönt langsam anmutende Chords mit heftigen Snareschlägen. Trauermarsch-Bläser unterstützen Leithauser in seinem Walzergefühl. Der Sarg auf deinen Schultern schmerzt. Wer lag da noch mal drin? Ein Schunkler wird zur theatralischen Posse oder zur Weihnachtsaufführung. Du schmückst den Baum jetzt schon und verriegelst den Kamin. Auf Geschenke kannst du verzichten.
The Walkmen spielen sich in die erste Liga. Sie halten sich nicht an “Flach spielen, hoch gewinnen!”. Jeder Song wird mit einer Kerze in die Wolken geschossen und kommt mit doppelter Power auf dich zurückgeflogen. Du musst dich manchmal ducken! Die Gitarren flirren und klirren um die Wette. Matt Barrick wirbelt mit den Stöcken, sein ganzes Schlagzeug scheint zu klingen und Leithauser krampft sich in Höhen, wo die Wilden Hornveilchen ein Sinnbild des Sieges darstellen. Nur da oben scheint es auszuhalten zu sein. Leithausers kratziges Organ versucht alles und jeden in die Knie zu zwingen. Ist das Rock oder Folk? Immer ist er einen Ticken zu laut, zu fordernd, zu von sich selbst überzeugt, zu verletzt.
“Lisbon” glänzt mit sandigen, crispy und nervösen Songs. Auch das Surfbrett, welches nur als Sitzmöbel gedient hatte, wird auf einmal in die Fluten geworfen. Darauf stehen kann niemand, doch es sieht nach Spaß aus. Manchmal wird Tempo gemacht, doch Leithauser schiebt dann wieder Liebesweisheiten hinterher, die automatisch die Geschwindigkeit drosseln. Selbstzweifel zerfressen Leithauser. Er quakt und fleht. Vielleicht ist er der Sänger der Stunde. Er schafft das, was andere nur selten hinbekommen. Er bleibt an der Oberfläche und das ohne Schwimmweste. Er macht den toten Mann. Er ist voller Liebe und die lässt ihn schimmern und glühen. Seine Trauerarbeit schmiegt sich in dein Herz und jede seiner Verletzungen tut dir genau so weh. Und dann macht er den Elvis… Album des Monats!
Erschienen bei Fat Possum

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