Tom Jones – Praise & Blame

Der Tiger wedelt mit dem Schwanz. Warum bin ich nur so eine Karikatur geworden? Warum musste ich immer die gleichen Songs vor denselben Damen spielen? Und die sind auch nicht jünger geworden. Ich bin jetzt 70! Was kann da noch kommen, fernab von Schnabeltasse und einem Hemd, das hinten offen ist? Wie hat Johnny Cash das gemacht oder dieser Schnulzenhansel Neil Diamond?
Man muss zu den Wurzeln zurück, man muss versuchen, sein Talent nochmals aus den Falten zu kratzen. Ein guter Produzent muss her, eine Liste mit Lieblingssongs aus der Vergangenheit und Jugend, eine Begleitband, die es vermag live einzuspielen, ohne das Feuerwerk abzuschießen. Eine Combo, die sich dem Tiger unterordnet, für das Arrangement arbeitet und den Song an sich. Man muss persönlich werden. Man muss das Alter anerkennen, man muss Fehler eingestehen und Musik wieder als Leidenschaft und nicht als Job ansehen.

Tom Jones

Tom Jones hat sich besinnt und alle diese Dinge beachtet. Weltklasse-Menschen scharrten sich um den Loverboy und muckten locker alte Perlen aus der Hüfte. Größen wie Bob Dylan werden luftig gecovert, mit Spielfreude und charmanter Orchestrierung. Die Songs kullern durch die Boxen. Man spielt Luft-Dobro und erfreut sich am Honky-Gewackel. John Lee Hooker wird angezickt und die brennende Hölle weggeslidet. Die Kraft liegt in dem Willen, nochmals überzeugend zu performen. Tom Jones holt seine männliche Stimme aus dem Zahnputzglas und gurgelt wie in alten Zeiten. Er muss sich nichts mehr beweisen. Nur seinen, in den Jahren mehr gewordenen Kritikern will er noch mal die gebleachten Zähne zeigen. Aus einem Clown wird noch ein letztes Mal der ernstzunehmende Künstler, der nicht nur mit seinem Aussehen und Macho-Tigerfigur glänzte, sondern einfach ein guter Entertainer war, mit großer Stimme.
“If I give My Soul” schmiegt sich langsam in deine Kniekehle und versucht dich zu Boden zu drücken. Jones Vibrato schlingert sich um deinen Tränensack und quetscht alles Angestaute heraus. Die eigene Hüfte, die immer noch recht geschmeidig ist, versucht sich an Elvis und ja es funktioniert. Natürlich ist das alles recht altbacken, aber das soll es ja auch sein. Traditionen werden bemüht, Gospel gefeiert. Doch all den Songs steckt ein düsterer Kern inne.
Lustig, dass zeitgleich Nina Hagen ein Gospelalbum aufgenommen hat, auf dem auch zwei Songs der Jones Produktion vertreten sind. Da haben wohl die beiden den gleichen Geschmack. Tom Jones lässt den immergeilen Las Vegas-Hengst hinter sich und beruft sich auf seine Stimme und die Kraft von Rythm & Blues, Bluesrock und Gospel. Tom Jones geht ab. Mit kurzer, knackiger Verbeugung. Er verbeugt sich vor sich selbst, seinen Fans und der guten, alten Musik.
Erschienen bei Universal

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