Christopher Willits – Tiger Flower Circle Sun

Wenn man sich die Gitarre selten richtig umhängt, sie eher auf die Knie legt, dann will man wohl nicht mucken, sondern man will experimentieren. Was kann man alles aus diesem Stück Holz herausholen? Gibt es noch Rock? Oder löst sich alles irgendwann in Luft auf und wir erinnern uns nur noch vage an langhaarige Affen mit offenen Mündern?
Christopher Willits
ist so ein Exemplar, das sein Instrument als Pinsel begreift und Tupfer auf eine Leinwand wirft, um den genauen Ton mal unter die Lupe zu nehmen. Die kräftigen Sounds klatschen nicht selten von der Leinwand ab und zerschellen auf dem Postrock-PVC. Türen werden aufgestoßen und das Licht fällt auf die flackernden Sternchen auf dem Griffbrett. Willits malt Collagen mit den Mitteln des uns Bekannten und des für ihn Eigenen. Neu ist das nicht. Auch nicht ungewöhnlich. Und spannend? Dass er mit Stimmen arbeitet, die am Rande die Sonne preisen macht ihn gewissermaßen auch poppig. Schön. Für ein loungiges Kränzchen mit der Mutti holt Willits sogar die Sonnenmilch 50 aus dem Herren-Handtäschchen.
Tortoise und The Sea And Cake tauchen auf seiner Reise auf. Sie halten Willits einen Spiegel hin und blenden ihn mit den Neunziger Jahren. Chicago ist da nur ein Anhaltspunkt, doch ein wichtiger. San Francisco nur ein weiteres Fähnchen im Wind. Christopher Willits versucht viele Baustellen, mit Tönen zu umzäunen. Helligkeit ist da von großer Bedeutung. Deshalb hat er große Leuchter aufgestellt und kann in jede noch so kleine Ecke blicken und einen Strahl hineinwerfen. Gerne arbeitet Willits mit Taylor Deupree. Da haben sich wohl zwei gefunden.
Christopher Willits
Einmal taucht eine akustische Gitarre auf, die mit einem verzwickten Picking fast die verträumte Stimme aus der Ruhe bringt. Doch die langen schwebenden, glitzernden Fäden beherrschen das Album, welches sehr alt klingt, doch so vertraut, dass es wie ein alter Freund zu einem Schwätzchen einlädt. Über Tiger, Blumen, große Kreise und die Kraft der Sonne wird diskutiert. Ist Ambient denn nun endgültig in die Flora und Fauna übergegangen? Hat Langeweile was mit Unruhe zu tun?
Dies hat nur eine gewisse Tiefe und so muss man trotz schöner Miniaturen doch ein wenig Gähnen. Die Siebziger mischen sich mit Jim O’Rourke-Floskeln. Zu Besuch trägt man flauschige Puschen, um das Parkett nicht zu zerkratzen. Auch Rodney Graham wird mit dem Wasserflugzeug auf die Sonneninsel gebracht. Am Ende reisen alle wieder ab. Willits konnte niemanden zum Bleiben motivieren. Mich leider auch nicht. Der Letzte macht das Licht aus und Christopher Willits hält die Glühbirne krampfhaft mit beiden Händen fest.
Erschienen bei Ghostly International

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