The Magic Numbers – The Runaway

Sie haben einen speziellen Wert und das wissen sie auch. Sie sind schwer zu entziffern und das macht sie so interessant. Die Konstante ist nicht immer zu erkennen und doch sind die Darstellungsformen gleichförmig und immer irgendwie auch zufällig. Zwei Geschwisterpaare machen sich zum wiederholten Male auf, um ihren Indiepop mit leiser Geste zu verbreiten. Doch auch einige Sternenhimmel leuchten bei offenem Verdeck. Zieh die Zügel an Schatz! Diesmal sind die Magic Numbers auf dem Papier groß besetzt, doch auch das Ausufern und Pendeln der Songs kommt so gehuscht und schüchtern daher. Erst wird leise gefragt, ob der Druck am Hals erhöht werden darf. Romeo und Michele Stodart sowie Angela und Sean Gannon treten auf leise, ja fast in sich gekehrte Minen. Dann auf einmal brechen sie aus, fallen uns um den Hals und küssen uns mit Lippenstiftmund. Manchmal beißt Romeo auch. Die Minen gehen hoch und zerfetzen dir Teile deines Arms. So was nennt man dann “angeschlagen”.
Der Streicherarrangeur Robert Kirby, der schon Nick Drake zu Flügeln verhalf, schafft hier wieder einen Traum mit zitternder Dramatik und hinterhältiger Kraft. Leider starb er im letzten Jahr. Somit ist “The Runaway” sein finales Vibrieren. Produzent Valgeir Sigurdsson schafft es den teilweise zickigen Songs einen Stempel aufzudrücken, der alle Stärken der Magic Numbers bündelt. Die toll ausgearbeiteten Stücke schickt er in eine unterschwellige, matschige Flusslandschaft, die einen mitreißt und nass zurücklässt. Bedrohlich angerockt fließen die Songs mit all ihren wahnsinnigen Instrumenten und Stimmen bergab. Das Tempo ist nicht hoch, doch die ersten Stühle sind schon verschwunden. Man möchte nicht mehr sitzen. Man dreht sich mit ausgebreiteten Armen im Kreis. Man sucht seinen Nebenan und streichelt ihm von hinten die Hüfte.
The Magic Numbers
Wir sind auf der Flucht. Mensch, da ist es doch nicht verboten Gefangene zu machen! Wir blicken nicht zurück, wir schauen der Nacht entgegen und hören die Chöre und summen leise mit. Die 60iger sind in den Teppichen verwebt und die beiden Paare schaffen es nicht in die Fallen zu tappen, wie andere Bands, die sich auf altbackene Musik berufen. Die Magic Numbers spielen unbekümmert ihre Instrumente, singen schön mehrstimmig. Sie unterstützen sich und spielen ihre Stärken nicht gegeneinander aus. London ist auch nicht mehr der angenehme Melting Pot. Die Magic Numbers wechseln ihre Farben ständig, um nicht aufzufallen. Der Fluchtkoffer steht gepackt im Flur. Das Hinhalten macht sie verrückt und die Blicke der oberen Zehntausend erst. Der Plan muss ausgeklügelt genug sein. Also heißt Warten die Devise. So lange spielen sie Songs, wie auf der Titanic. Das Wasser schon bis zu den Knien.
Retropop, wenn man so will, doch der Schleier der Nacht und die damit verbundene Finsternis rücken näher und machen “The Runaway” zur Fluchtplatte ohne Kompass und Taschenlampe. Pianoherzschläge, hoch gespielte Basslinien und fast tanzbare Tracks komplettieren ein wahres Glanzstück. Tolle Keyboards streifen das Süße und die warmen Stimmen der Gruppe verwandeln die Lieder in Gold. Meisterwerk!
Erschienen bei Cooperative Music

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