Klassiker: Ultravox! – Ha!Ha!Ha!

Mitte der 1970er Jahre tat sich ein Spalt auf, so groß, dass er den Atlantik in seiner ganzen Länge tranchierte in Alt und Neu, in Glam-Rock und etwas völlig unbekanntes namens Punk, dass in seiner Ausprägung noch gar nicht richtig vorhanden war. Dort hinein fiel die Londoner Band Tiger Lily um Sänger Dennis Leigh, dem wenig später der Name John Foxx wesentlich besser gefiel. Eine Zeit der Plattenfirmen- Instrumenten- und Identitätssuche wurde im Eiltempo durchlaufen. Auch der Weg vom E-Piano zu einem ARP-Odyssey war nicht weit. Kurz danach folgte die Umbenennung in Ultravox!, wobei das Ausrufezeichen als Reminiszenz an Neu! zu verstehen war.
1977 erschien ihr Debutalbum bei Island, der Plattenfirma, die zuvor Roxy Music herausgebracht hatte. Produziert von deren Ex-Mitglied Brian Eno und Steve Lillywhite schuf die Gruppe eine Melange aus einer neuen kühlen Architektur, die aus Synthesizern und ersten Rhythmusmaschinen gebaut war, etwas noch sehr rockig Ungestümem und einem unverhohlen überbordenden Faible für das große Sentimentale.
Noch im selben Jahr erschien das Nachfolge-Album „Ha!Ha!Ha!“. Die weterhin überbordende Energie der Gruppe schlug sich nicht nur in der hohen Frequenz ihrer Produktionen jener Tage nieder, sondern auch in der Tatsache, dass sich schon nach wenigen Monaten eine deutliche Stilverlagerung abzeichnete. Der Gitarreneinsatz wurde härter und wandelte sich ins stakkatohafte Überzeichnen von Akzenten, was mehr Dramatik und Pathos einführte. Das passte ganz hervorragend zu den sich langsam heraus kristallisierenden Themen wie Dekadenz, die Hybris des Künstlichen und das Leiden des Menschen daran.
Das sich in den Folgejahren aus diesem Ansatz New Wave und daraus wiederum New Romantic und der durch Synthesizer geprägte Pop der 80er Jahre entwickeln sollte, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht abzusehen, hatte aber in der weiteren Bandendwicklung von Ultravox! seine Zwangsläufigkeit. Denn mit der auf „Ha!Ha!Ha!“ noch vorhanden Gitarrenprägung in einer Tradition, in der immer noch die alt gewordenen Überväter Roxy Music herauszulesen waren, sollte es schon bald vorbei sein.
Ultravox 1977
Man hört dem zweiten Album von Ultravox an, dass die Band sich nie entscheiden konnte, welches Gesicht ihr Gitarrensound jemals bekommen sollte, welche Instrumentierung überhaupt welche stilistische Ausrichtung weiter vertiefen sollte. Synthetische Streicher? Doch Verzerrung? Pop oder sogar Kitsch? Ein Höhepunkt dieser Irrnis, dieser Odyssee englischer Dandys ist das sentimentale “Hiroshima Mon Amour”, ein Song, dem selbst ein Saxophonsolo zur Zier gereicht, was eigentlich unmöglich ist.
Was macht man nur mit einem angestaubten Rockhabitus, wenn man nicht die Punkattitüde der anderen Londoner Protagonisten aufnehmen will? So war es eigentlich keine Überraschung, dass auf „Systems of Romance“ dem von Conny Plank produzierten ebenfalls wunderbaren dritten Album von Ultravox, die Gitarre weiter in den Hintergrund trat. Danach brach schon das erfolgreiche langweilige letzte Kapitel der Band an. John Foxx ging und der große Schmalz kam mit „Vienna“.
Was bleibt ist mit „Ha!Ha!Ha!“ ein großes Album des Übergangs und des nicht genau Wissens, das aber dennoch mit großer Geste und Detailverliebtheit produziert, wie kaum ein anderes Album der späten 70er den Aufbruch in das Zeitalter des New Wave markiert.
“Ha!Ha!Ha!” erschien 1977 bei Island Records.

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