Wolfgang Voigt – Freiland Klaviermusik

Ein Klavier ist ein Klavier ist ein Klavier. Ein Hammerklavier. Ein musikalischer Begriff liegt auf dem Silbertablett zum Zwecke der Neuuntersuchung seiner Eigenschaften und all der Rollen, die ihm zugewiesen wurden. Das Instrument befindet sich in Großaufnahme und während die Operationsscheinwerfer hochfahren, wird die Wahrnehmung seiner Qualitäten allmählich ins Ungewohnte geshiftet.
Das Silbertablett trägt die Ideen des Pop in den Strukturen von Techno. Darauf muss sich das Klavier als Solist nun neu sortieren. Es steht zwar nach wie vor für sich und seine Rolle in der Musikgeschichte, für den universellen Instrumentenkörper, für musikalische Bildung und die zweihändige Begleitung, aber darüber hinaus steht es hier auch stellvertretend für die Metamorphose der Familie aller Instrumente, für die durchlaufene Transformation durch Automation, Sampling und Digitalisierung. Nach all dem war das Piano schließlich seines Klangkörpers beraubt und blieb oft skelettiert als Keyboard, als Controller allein.
Bei Wolfgang Voigt findet das digitalisierte Klavier zurück zu seinen mechanisierten Klängen indem es sich in vertraute Gerüste einfacher technoider Strukturen einfügt, teilweise. Am Wegesrand sitzt Conlon Nancarrow und lächelt verschmitzt. Mit seinen „Studies for Player Piano“ hatte dieser einst die Blaupause geliefert für die Ästhetik mechanischer Automation in der Musik des 20. Jahrhunderts. Nancarrow ist somit die zentrale Referenz für „Freiland Klaviermusik“. Anders als Dan Jones halte ich dem gegenüber die unbestritten vorhandenen strukturellen Verwandschaften des Repetitiven zwischen Wolfgangs Voigts neuem Album und den Piano Etüden György Ligetis für weniger bedeutend. Denn dabei handelt es sich nur um vordergründige Parallelen einzelner Tonfolgen. Das ästhetische Gesamtbild, der von einem Pianisten interpretierten Stücke, bleibt immer ein völlig anderes, als das des analog und auch digital durchautomatisierten Instrumentes, ein entscheidender Unterschied. Gerade dann, wenn innerhalb des Themas Automation das Unterthema Techno im Mittelpunkt steht.
Im Gegensatz zu Nancarrow reduziert Wolfgang Voigt die Dichte der disharmonischen Verknotungen. Dafür strukturiert er die Penetration, indem er das Piano dem simplen 4/4tel des Techno unterwirft. Bei „Die Verwandlung“ ist es – typisch Voigt – sogar ein Shuffle, der sich der Pianokluster bemächtigt, sie zumindest umspielt, umkurvt. Denn ist es wirklich eine Unterwerfung unter Techno? Wer penetriert am Ende wen? Dominiert das Klavier den Techno oder der Techno das Klavier? Einzelne Klavierstimmen folgen dem Schlag der Bassdrum, andere mäandern stets in Unabhängigkeit, entscheidende Merkmale des Albums. Ein Track wie “Dunkler Weg” kommt gar ganz ohne Kick daher.
Die außerordentliche Qualität von „Freiland Klaviermusik“ liegt nicht zuletzt darin, dass beide Elemente, Popstruktur und Instrument, in der Konfrontation nicht als Klischeehülsen kaputtgemacht werden. Es entsteht vielmehr ein Gleichgewicht unter Hochspannung; ein atemraubendes Album. Wolfgang Voigts Kompositionen sind mal wieder sehr gut austariert.
„Freiland Klaviermusik” ist im Juni bei Profan erschienen.

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