Scissor Sisters – Night Work

Die Discokugel glitzert wieder. Die Scissor Sisters schlüpfen in ihre alte Rolle als Party- und Tanzflächenrowdys. Nach dem Durststrecken-Album “Ta-Dah” verkörpern die New Yorker nun endlich wieder die unermüdlichen Partyhengste. Die geheimnisumwobenen Achtziger leben noch einmal auf, die Jahre in denen das Studio 54 als Drogen- und Sexumschlagplatz in die Schlagzeilen geriet.
Die Scissor Sisters schwitzen endlich wieder. Das letzte Album war doch nur ein Pausenfüller mit Single. Nun wird wieder Ausschau gehalten nach sexuellen Abenteuern und Selbstbetrug. Da muss man sich obenrum frei machen und unten alles raushängen lassen. Stuart Price wurde ins Boot geholt, der eh schon einige Remixe der Band veröffentlicht hatte und mit den Schwestern seit Jahren in freundschaftlicher Beziehung steht. Price drückt den Scissor Sisters seinen Stempel auf, ohne dass die völlig ihre Herkunft verlieren. Die Songs knallen und steppen durch nebelige, verrauchte Partynächte. Jake Shears verfällt gerne mal in Bee Gees-Fasettstimmen und tänzelt, wie ein aufgescheuchtes Huhn über die Bretter, die die Welt bedeuten.
Der Exzess, die Drogen, die nicht erkennbaren Krankheiten schleichen sich am Türsteher vorbei. Jake zeigt ihm gerne seinen Backstage-Pass und züngelt Worte voller Lust und Gier. Die Band spielt sich ins Partyzelt, alles brennt und quietscht. Marc Bolan bekommt den Zylinder geklaut. Mädels unterhalten sich mit ihren besten, schwulen Freunden über die Freuden und Unannehmlichkeiten des Analsexes. Wie gehabt. Die Beats sind straight, wenigstens die (sorry!), und die Keyboards pumpen gegen Gitarren an. Ana Matronic hält sich geschmeidig zurück, unterstützt aber Jakes Ausflüge mit der Muttistrategie. Immer wieder wirft sie ein Auge auf Jake, so dass der nicht so schnell abdriftet. Sie ist sein Schutzengel.
Scissor Sisters
Roboterbeats schallen durch die Nacht. Der Strobo knallt dir die Augen weg. Du hebst die Arme, du hasst es so zu tanzen, doch es ist so eng und deine Arme finden keinen Platz zwischen den Körpern der Anderen. Du willst niemand berühren, obwohl deine Wünschelrute ständig ausschlägt. Erektionen lassen einen noch schlechter aussehen beim Tanzen. Der Elton John-Style der Anfangstage und der Prince-Gesang sind nun klaren Tanzflächenkillern gewichen. Es geht um die Party, um das Ausufern, sich Fallenlassen und “In Sich Hören”. Bei “Skin This Cat” taucht Ana doch noch einmal in vollster Pracht aus der Taktikecke auf. Sie pellt der Katze die Haut ab, um endlich mal ins Innere zu sehen. Zwiebeltaktik mit frivolen Backdoor-Anspielungen. Die Single “Fire With Fire” steigert sich zum Sommerhit 2010. Am Anfang ist der Song noch balladesk, doch auf einmal steigt der Pilot in den rostigen Flieger und reißt den Steuerknüppel um. Gute Nummer!
Der Rest ist ganz nett anzuhören, doch der Mehrwert bleibt fraglich. Es fehlen richtige Knaller, die dich nicht mehr los- und die Tanzfläche entern lassen. Zu viele schön angedachte Skizzen zerfallen im Moment des Konservierens. “Sex And Violence” überzeugt noch mit Bret Easton Ellis-Text. Ja, der Weg zu Sex und Gewalt kann fließend sein. Wer hat hier die Macht? Ist ein Machtspiel für erotische Ausschweifungen von Nöten? “Running Out” holt Bowie von der Garderobe ab. Mit Federboa geht es zur privaten Vorführung von Annie Sprinkle.
Jake lässt sich Treiben, AIDS ist im Gespräch mit der Klofrau. Also noch mal Fünfe grade sein lassen. Gefährliches Spiel! Giorgio Moroder schiebt sich die Brille wieder zurecht. Mein Gott, wie geil das Leben sein kann! Der Champagner fließt, das Koks schneit von der Decke, die Jungs befingern sich im Séparée. Die Scissor Sisters liefern den Soundtrack für eine rauschende Nacht. Jake überzeugt, doch die Musik ist auf Dauer zu eintönig und ermüdend, obwohl das Tempo hoch bleibt. Stuart Price war die richtige Wahl, doch das Songwriting schwächelt. Ein Song sollte doch schon im Rohzustand funktionieren. Da kann auch Price nicht mehr nachschrauben. “Nightlife” überzeugt gegen Ende noch einmal. Hätte auch von den Killers sein können. Hätte, hätte, hätte….
Erschienen bei Polydor

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