Hans Unstern – Kratz Dich Raus

Wer ist dieser Mann, der aus dem Umfeld von Ja, Panik zu kommen scheint? Wer ist der in Berlin lebende Poet, der so versponnen über die Elbe sinniert? Man sollte aufhorchen und sich an die Hand nehmen lassen, von einem, der seine Sprache innig liebt. Denn er wildert ebenso unverfroren wie verheißungsvoll in den Schnittmengen von Pop, Poesie und Chanson.
Es sind die einfachen musikalischen Mittel, derer sich Hans Unstern auf seinem Debutalbum „Kratz Dich Raus“ bedient. Ein schlichtes Setup mit Schlagzeug, Bass, Piano, Gitarre und scheinbar beifällig eingestreuten Kleinigkeiten wie Xylophon und Akkordeon geben die Bühne für seine meist rezitative Poesie.
Zunächst überraschen die ausgefransten Arrangements, die sich nie um ein Zentrum, nie um die bekannten Dramaturgien des Liedes bemühen. Unstern verzichtet auf konventionelles Steigern und repetieren, auf Refrains und oft auch auf Höhepunkte, zumindest auf Höhepunkte an den Stellen, an denen man sie erwartet. Denn wenn Hans Unstern schließlich in Pathos die Stimme hebt, tut er dies nie um der Auflösung einer Disharmonie oder des Endes einer Geschichte Willen, sondern immer nur, um mit der selbstvergessenen Geste eines Chansoniers zu fabulieren.
Die Spannungskurven seiner Stücke mäandern aus dem Nichts kommend auf unberechenbaren Pfaden wieder ins Nichts zurück. Was ist Zeit? Was war gestern und was kommt morgen? Es gibt keine Linearität zwischen den Igeln und unter dem Kastanienlaub. Wortgewaltig dreht sich da einer auf einem poetischen Kettenkarussell um die Fragmente seiner Hinterlassenschaften und schleudert uns diese mit jeder Umdrehung und sicherem Metrum selbstbewusst vor die Füße.
Dabei sind die Texte alles andere als einfach. Das Erzählerische wird nur angerissen und bruchstückhaft in kleinen Modulen, die nur aus wenigen Zeilen bestehen, collagenhaft übereinander geschichtet. Ja, das Geschichtenhafte gibt es in Unsterns Texten doch. Und es zieht sich wie ein in feine Schnipsel zerschnittener roter Faden durch die von romantischen Bildern durchzogenen Verse. Und obwohl es auch um Winterschlaf, Mondschein, Paris und dein Kopfkissen geht, kann man jede Zeile so ernst nehmen, wie sie gemeint ist.
Unsterns Poesie holt weit aus und hat einen erstaunlich langen und sanften Atem. Den braucht er als Flaneur großstädtischer Sehnsüchte, wenn er uns weiterhin mit widerspenstigen Bildern und Metaphern betören will. „Kratz Dich Raus“ ist das bis jetzt beste deutschsprachige Album dieses Jahres.
Es ist im April bei Nein, Gelassenheit erschienen. Außerdem gibt es z.B. von Viktor Marek noch diese Bearbeitung von „Ein Coversong“:
Be My Parachute (Viktor Marek Remix) by Hans Unstern

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  1. Hans Unstern, Testsieger und Alin Coen spielen live beim diesjährigen PROSANOVA Festival (26. – 29. Mai 2011)! Freikarten für Festival und Konzert und weitere schöne Dankeschön-Pakete gibt es für Supporter der interaktiven Rauminstallation “nichts bleibt, baby” bei http://www.startnext.de/baby
    Wir freuen uns auf euch!

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