Tony Christie – Made In Sheffield

Ab wann darf man von einem Klassiker sprechen? Muss das Album schon verstaubt, fast vergessen sein? Oder kann es auch nur ein Jahr auf dem Buckel, aber mit Verzögerung dein Herz erreicht haben und nun ist es für immer in deinen Gelenken und Fasern? Ich war immer schon ein Fan von Tony Christie. Dieses Outing an dieser Stelle fällt mir nicht schwer. Der Mann aus Sheffield hat diese Gabe, einfaches Liedgut zu veredeln. Seine Schmalzstimme gibt dir ständig eine Wahrhaftigkeit, die Schlager nur selten zu bieten hat. Er sprengt die Grenzen zwischen Kitsch und Hochkultur.
Tony Christie
Er lebt die Songs. Sein Blut ist dicker als deins. Natürlich hat Christie auch Fehler gemacht, zu viele Songs von Terror-Produzent Jack White schreiben und produzieren lassen und die Songs einfach nur runtergerasselt, doch wenn man genauer hinhört, gerade in die alten Aufnahmen, da lodert überall ein verlorener Held, ein verlassener Lover, der mit der Klampfe unter Balkonen steht und fleht.
Die letzten Jahre ist es ruhig geworden um Christie. Nur eingefleischte Fans wie Jarvis Cocker von Pulp glaubten noch an den Altmeister. Gut, einige Dusselauftritte in Fernsehshows mit “Amarillo”, doch der große neue eigene Wurf war auszuschließen. Doch anscheinend bin ich nicht der einzige Spinner auf dieser Welt, der in Christie eine große Stimme sieht, die nicht nur den schlechten Geschmack einiger Produzenten als Geldgeber verdient. Auch Christie selbst wollte das Image des gefärbten Föhnfrisurfuzzies ablegen. Er hörte einen Song von Richard Hawley, auch aus Sheffield wie Christie, im Radio. Da war sein Wunsch geweckt, es noch mal zu probieren. Hawley nahm sich Tony vor und stellte ihm Songs zur Seite, die alle mit der Stadt Sheffield zu tun haben und von Menschen geschrieben worden sind, die Christie wohl noch nie in seinem Leben gehört hat. So liefern die Arctic Monkeys ihr “Only One Who Knows”, Hawley bietet sein “Coles Corner” an. Das Konzept war geboren. Nur Sheffield und nichts als Sheffield.
Tony Christie und Richard Hawley
“Louise” von Human League und Pulps “Born to Cry”, nur Hardcore-Fans aus dem Notting Hill-Soundtrack bekannt, huschen auch noch schnell ins Körbchen. Doch Tony Christie wäre nicht Tony Christie, wenn er nicht auch selbst zwei Songs beisteuern würde. So ist “Made In Sheffield” ein wunderbar abgehangenes Spätwerk, das natürlich an Richard Hawleys Platten erinnert, doch auch diesen Neil Diamond-Touch hat. Hawley hat die Produktion gefühlvoll und charismatisch gehalten. Die Bar ist ist der Spielplatz alter Männer. Dort gibt man sich noch mal sexuellen Phantasien hin und gräbt eine Dreißigjährige an. Wenn nichts mehr geht steht der Single Malt wie ein Fels in der Thekenbrandung.
Tony Christie kann sein ganzes Herzblut in die Songs werfen, ohne Angst haben zu müssen, dass der Fernsehgarten Kopf steht und gibt uns den Crooner, den Dandy, den Opa mit reuem Blick. Tony Christie meldet sich amtlich zurück und bekommt von mir den Klassikerstempel. Zu Recht! Besser kann man wohl sein Image nicht aufpolieren, ohne mit dem Feuer zu spielen, oder sich zu verkaufen. Alte Fans werden immer noch Tränchen verdrücken und ihnen wird es Wurscht sein, dass Christie einen Song von Alex Turner covert. Die junge Generation hört die schönste Pulp-Coverversion aller Zeiten. Und zu entdecken, gibt es auch noch was. Martin Bragger, ein mir unbekannter Songwriter aus Sheffield, liefert zwei wunderbare Songs. Tony Christie bleibt mein Schnulzenkönig.
Erschienen 2009 bei Decca

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