Shit and Shine – 229-2299 Girls against Shit

Es kommt der Tag, an dem muss der Bembel beben. Es kommt der Tag, an dem muss die Säge sägen. Es kommt der Tag, an dem der Hammer einfach auf den Amboss muss. Und das nicht zu knapp. „Zur Sache, Schätzchen!“ Shit and Shine zeigen, wo’s lang geht.
Wenn Lemmy ein chromblitzender Riesenauspuff ist, dann posaunt uns „Have You Really Thought About Your Presentation?“ durch die in Titan gestählte und aufgebohrte Doppelversion davon. Immer auf Spitzentempo, den Blick nach vorn gerichtet. 189 eingepferchte Pferdestärken auf zwei oder drei Rädern, und alles deins.
You are the Drag Star! Das Feuerschweifmuster flattert im von Ruß durchtränkten Fahrtwind und die Beschleunigung reißt dir fast die Gedärme aus dem Leib. Du weißt nicht mehr wo vorne und hinten ist. Macht nichts. Du wirst dein eigener Windkanal. Und du verbrennst dir die Finger gleich beim ersten Anfassen an irgendwelchen herumfliegenden Bruchstücken. Schließlich schreist du kurz laut auf. Denn es gefällt dir.
Und du weißt, hier bist du richtig. Du magst es zwar immer noch auf die harte Tour, aber dir ist schon lange klar, dass unter der Firnis aller hedonistischen Spielarten noch viel unberechenbarere Dinge liegen. Schnell wird der Bedeutungszusammenhang von „What a Difference A Day Makes“ schamlos umoperiert und bekommt eine perfide Doppelbödigkeit. Spitzenwerte und Ausreißer führen auf direktem Weg in die provozierte Schockstarre. Ist das immer noch ein Motorrad oder schon ein Zahnarztstuhl?
Der Spaß an einer Mutprobe ist trotzdem zu groß, als dass jetzt irgend etwas verhindert werden könnte. Der Nervenkitzel auf dem 7-Meter-Brett ist immer noch nur durch das 10-Meter-Brett zu übertreffen. Rückwärts als Sozius auf dem Motorrad mit 180 über die Landstraße brettern. Brettern und genagelt werden. Darauf kommt es an. Erste Erinnerungen an Gruppen wie Smersh und World Domination Enterprises werden wach und sogleich in den Schatten gestellt bevor du dich nicht mehr erinnern kannst. Du bist nahe daran, das Bewusstsein zu verlieren. Verzerrungen mäandern um vibrierende Körperteile. Und der Groove hängt in kurzen metallischen Echos von dir herab. Gänsehäute flattern.
An welchen Schrauben soll man noch drehen? Es ist heute nicht unbedingt einfacher geworden neue Reizpunkte in den Genres Noise Rock und Rhythm and Noise zu setzten. Allzu oft wird man beim erfahrenen Publikum nur ein müdes Schulterzucken ernten. Shit and Shine haben stichhaltige Argumente gefunden und tragen diese mit einer gehörigen Portion Ironie selbstbewusst vor. Sie halten sich nach wie vor an der Gitarre als Hauptinstrument schadlos und setzen sich schon damit von den meisten Rhythm-and-Noise-Interpreten ab. Ihre Verzerrungen stellen sich in all ihren Spielarten immer in Bezug zu den Traditionen von Rock’n’Roll und Industrial, auch wenn sich von allen Seiten die Gitarren flächig übereinander schichten und aufschaukeln. Das rhythmisierte Motiv bleibt erkennbar, als elektrisierender Shaker, als nervtötender Quirl oder als beseelender Hauch.
Im Gegensatz zu einer Statik der Swans ist ihr spitz und stark verzerrter Klang nie ein kantige Masse, sondern eine perfekt geölte Maschine. Hier wird nicht mit dem Kopf negiert, sondern mit der Hüfte geschlagen. Die Maschine läuft und lässt im Vorbeifahren durchblicken, dass die frühen Chrome immer noch genauso präsent sind wie die Theatralik und Scharlatanerie eines William Bennett. Und was fast das größte Verdienst ist: Shit and Shine schaffen es, nie in die Untiefen von Death Metal abzugleiten. Das wäre auch viel zu einfach gewesen. Mein Album des Monats. Mindestens.
“229-2299 Girls against Shit” ist bei Riot Season erschienen. Hörbeispiele gibt es hier.
229-2299 Girls Against Shit

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