Dr. Dog – Shame, Shame

Die Zeit verrinnt. Die Eieruhr hat noch weißes Granulat und keinen billigen Bimmel-Alarm. Die Band um Scott McMicken setzt sich in die Zeitmaschine und fliegt einfach mal vierzig fünfzig Jahre zurück, um dort nach den Geschichten zu wühlen, die sie in den IKEA-Bettwäschen nicht mehr zu finden glauben. McMickens Stimme ist so brüchig wie das grüne Band der Sympathie. Kumpelei ist gefährlich. Jede Zigarette und jeder Tropfen des so heiß geliebten Bieres klingen bei jedem Wortbröckchen mit. Die Chöre fabulieren im Hintergrund, dass die Welt nicht immer böse war und man doch zu alten Tugenden greifen sollte. Männerabende waren keine Gesprächskreise, sondern stumme alkoholinfizierte Sitzungen, in denen man eher über Gitarren-Licks diskutierte als über das Problem des verlorenen Mann-Seins. Eine Slide-Gitarre war Ausdruck aller Gefühle und jeder Hall war der Ausweg in eine weite Welt, die noch unbeschmutzt in den Kinderschuhen lag. Das dachte man wenigstens. Die Schule war der verhassteste Ort auf der Welt. Nur der Einstieg in die Schulcombo löste den Krampf unkreativen Schülerdaseins. Amerika schrie sich jeden Homerun aus der Seele. Tradition hatte Tischdecken.
Dr. Dog geben dem alten Amerika ein Gesicht, das sich im Folk Sporen verdiente, dem Country nicht nur den Stetson aufsetzte, sondern auch mit Altherren-Rock liebäugelte. Dann kamen diese Pilzköpfe aus dem Königreich und plätteten alles, was sich ihnen in den Weg warf. Popmusik war am Puls der Zeit. Dr. Dog suhlen sich nun im Schlamm der Vorbilder und liefern unbekümmert und mit augenzwinkernder Freude einen alten Kupferstich ab. Wunderbar geschmeidig hüpfen die Songs durch die Jahrzehnte. Vielleicht sind Wilco Verbündete im Geiste, da auch sie gerne den alten Highway hochrasen und jeden Anhalter kurz mit zum nächsten Diner nehmen.
McMicken schnäuzt und säuselt. Manchmal krakeelt er auch und dann wird es riesig. Er holt die Emohupe aus der Jackentasche und gibt den Songs eine Farbe, die nur ganz selten übermalt werden kann. Dann wird Dr. Dog zur eigenständigen Band, die es auch nicht scheut zu mucken. Warum sollte man sein Können nicht auf Augenhöhe präsentieren? Understatement war gestern und nur ihre Akkordwechsel haben den gestrigen Anstrich einer alten Küchenkommode. Doch was kommt nach C-Dur?
Dr. Dog
Dr. Dog lieben das Schöne, das Triviale, den ultimativen Song. Davon haben sie viele geschrieben. Ihre Alben haben immer diesen Poesie-Album-Flair, der mit Wehmut und Unverfrorenheit spielt. Ein Gitarrensolo wird schon mal mit Hey-Rufen untermauert. Auch die Psychedelic-Momente der vergangenen Jahre fließen durch die Scheune. Der Spaßfaktor ist der Antrieb, die Liebe der Gewinn und die Trauer das Experiment. Ob Indie-Pop die Lösung wäre, der Begriff der greift? Die 70er kullern vorbei, das Klavier sitzt im Honky Tonk-Trailer und wartet auf frisch gebrühten Kaffee. Der Bundesstaat Maine wird zur großflächigen Amüsiermeile, die noch die Tische draußen stehen hat, auch wenn der Regen schon längst durch die Straßen zuckt.
Dr. Dog bleiben ihrem Stil treu, der natürlich nicht ihrer ist, aber so verliebt und ungewollt ehrlich durch die Boxen quillt, so dass es eine Wonne ist. “Shake, Shake” macht Spaß, bleibt natürlich schon mal auf halber Strecke im Player, doch die Sonnenstrahlen und warmen Sounds lassen dich die Schiebermütze rausholen. Old School ohne Verwesungsgeruch. Die Eieruhr ist nun durch. Dr. Dog spielen noch im Partyzelt. Die Girls tanzen mit sich selbst. Zu enger Kontakt birgt zu viele Gefahren. Scott McMicken lässt Herzen auftauen. Die Jungs fordern nun auf. Oh, wie romantisch. Körbe sind noch geflochten und die Tränen echt.
Erschienen bei Anti

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