Dirac – Phon

In 80 Stunden um die Welt fliegt man nicht gerade im Ballon, sondern eher in einem aerodynamisch optimierten Leichtflugzeug von Burt Rutan. Derart ausgestattet ist ein Nonstop-Flug über möglichst viele Länder der Nordhalbkugel möglich; selten in riskantem Tiefflug, meist jedoch in 16 Kilometer Höhe. Außer für die bis zum Bersten gefüllten Leichtmetalltanks ist gerade noch Platz für eine im Boden eingehängte Spiegelreflexkamera.
Diese ist in der Lage alle Ansichtskartenmotive in hochaufgelöster Satellitenbildästhetik einzufangen, die man später für die Illustration der Autobiographie benötigt. „Schau mal Schatz, hier habe ich erfolgreich die pakistanische Luftaufklärung unterflogen.“ Schnell noch die Sandwichdose, Traubenzucker sowie ein Handtuch eingepackt und los geht’s auf einsamer Welttournee.
Dirac sind ebenfalls nonstop unterwegs, in ihrem Studio. Einmal die Aufnahmetaste gedrückt, haben auch sie nicht unterbrochen. Entstanden ist ein episches One-Take-Album, das von einer bedeckten bis dunklen Stimmung geradezu durchtränkt ist. Die Tanks von Dirac sind prall gefüllt mit Drones und Schwebungen. Mit sehr bildhaften Klangatmosphären schaffen es die drei Wiener Musiker Peter Kutin, Daniel Lerchner und Florian Kindlinger Suspense aufzubauen und diese über die Dauer von 42 Minuten erfolgreich zu halten. Die Spannung ist irgendwann gewaltig. Aber der Bogen reißt nicht. Im richtigen Moment entweicht seine bis zum äußersten angesammelte Kraft aus der Enge des Aufnahmeraums in die weiten der Stratosphäre.
Dirac erforschen mit ihrem in diesen Tagen bei Valeot erschienenen dritten Album Überlagerungen, Vibrationen und Resonanzen von Klangschichtungen. Sie selbst nennen ihren am Ende auch von Fieldrecording-Ausschnitten angereicherten Klang selbstbewusst Kammermusik des 21. Jahrhunderts und stellen sich damit in eine kompositorische Linie mit Interpreten wie The Anti Group, Rechenzentrum oder Bohren und der Club of Gore.
Ausgestattet mit Computern wie auch akustischen Instrumenten decken sie den Klangraum in feine Schichten sich aufschaukelnder Töne. Dazu gesellen sich getragen solierende Bläser. Diese geben einen Anflug von Motiv, drei vier sparsame Töne, mehr nicht. Dann setzt sanft ein verzerrter Bass ein und treibt die Steigerung weiter bis eine Lautsphäre mit Wassergeräuschen kontrastiert, einmal auch aus dem Hintergrund eine Kirchturmglocke. Zurück von einer wahrlich weltumspannenden Klangreise bleibt am Ende ein ebenso erschöpfter wie beeindruckter Hörer.
Phon ist bei Valeot Records erschienen.

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