Flying Lotus – Cosmogramma

Ein Reiter hinkt. Er sucht den Orthopäden und der Sattel bleibt im Stall. Die Nüstern des Pferdes blähen sich. Sind das die Anstrengungen selbst verordneter Einsamkeit? Die damit einhergehende stärkere Atmung bezeugt Aufregung, manchmal auch Ängstlichkeit. Der Gaul schnaubt. Er galoppiert über einen bunten Parcours gespickt mit zahlreichen gestreiften Hindernissen aus Tanzmusik, Orchestralem und Jazz. Tempo hoch, Nacken höher und weiter. Es lebe der Widerspruch!
Wenn überhaupt eine neuere Strömung in der elektronischen Musik zu benennen ist, dann wohl der Hang zum Skizzieren. Insbesondere Warp-Acts zeichnen in Folge von Prefuse 73 seit einiger Zeit für diesen Trend. Nach Guillermo Scott Herren versuchen sich inzwischen auch Bibio, Broadcast nun also auch Flying Lotus an der Kunst des hektischen Anreißen und Ausfransens. Letzterer glänzte in diesem Jahr schon mit der Produktion des furiosen Gonjasufi-Albums. Warum also ist das Skizzenhafte so beliebt?
In einer Zeit, die ästhetisch im größerem Ganzen getrost immer noch der guten alten Postmoderne zugeschlagen werden darf, sind die Formen des Neuinterpretierens, Zitierens und Variierens die Hauptdurchlauferhitzer künstlerischer Weiterentwicklung geworden. Eine Coverversion pro Album reicht ja inzwischen kaum noch. Es müssen ganze Coveralben her. Das führte auf direktem Weg zu den Exzessen der Belanglosigkeit bei Nouvelle Vague.
Ein anderer Weg scheint mindestens genauso schlüssig zu sein, erweist sich inzwischen sogar als weiterbringender. Das Mittel der Skizze wird in den Mittelpunkt gestellt, um die Stärken einer Idee einerseits heraus zu filtern und gleichzeitig diese um so schneller mit anderen Stilelementen zu konterkarieren. Das Sample als Basis einer Skizze bricht nicht nur wohltuend die in den letzten Jahren schon einbetonierten Standard-Arrangements von 2-Minuten-Intro plus Minimalthema bei Club-Elctronica. Sondern es scheint sich auch eine neue Lust am Loop auszubreiten. Ob das etwas mit der Etablierung bestimmter Werkzeuge und neuer Controllergenerationen beliebter DAWs zu tun hat, ist schwer zu sagen. Dass das Schichten von Loops jedenfalls sehr gut zum Herausarbeiten von rhythmischen Gegenläufigkeiten taugt, wird inzwischen wieder gern gezeigt. Der sprunghafte Weg von Flying Lotus bleibt weitgehend jazzdurchtränkt. Dabei bedingen ständige Richtungswechsel Ziellosigkeit. Wohin das alles führt? Das wusste der Gaul noch nie. Nur weg, weit weg von den alten Zaumzeugen.

“Cosmogramma” ist Anfang Mai bei Warp erschienen.

0 Gedanken zu „Flying Lotus – Cosmogramma“

  1. vielleicht hat das ja auch mit der vielbeschworenen, web2.0 induzierten, verringerten aufmerksamkeitsspanne zu tun? hmm…information auf information. durchblick, überblick und haltung bewahren. auf jeden fall hat flylo einen ganz grossen wurf abgeliefert.der hat einfach viel zu viele gute ideen, und muss die in einer ‘space opera’ unterbringen. next level shit, here. thank you!

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