Lena – My Cassette Player

Was ist nur in Deutschland los? Ein junges Mädel aus Hannover spaltet das Land in zwei Lager, die einen feiern Lena als Nachwuchshoffnung mit tollem eigenen Stil, die anderen sagen nur: “Kate Nash”. Das gab es schon lange nicht mehr, dass sich das Land das Maul zerreißt. Haben wir mal wieder einen Superstar ohne Sklavenimage? Da kann kein Mark Medlock oder Menowin Fröhlich mithalten. Denn jeder Bohlen-Ziehsohn bekommt diese Müllproduktionen aufs Auge gedrückt und darf auf RTL-Sofas Platz nehmen. Bis zur nächsten Staffel, dann ist der Spuk vorüber. Wird es bei Lena auch so sein? Lena-Gegner sprechen von einer Frau, die nicht singen kann und nur mit Dackelblick und kurzen Kleidchen überzeugt. Castingshows sind deren Feindbild Nummer Eins, denn diese haben doch schon seit geraumer Zeit keine ernstzunehmenden Künstler mehr hervorgebracht. Liegt es nur an Stefan Raab? Liegt es an seinem Händchen, an seinem Glauben, dass auch in Deutschland noch Künstler in den Wohnstuben sitzen, die man hegen und nicht verheizen sollte.
Sein Format “Unser Star für Oslo” ging durch die Decke. Dabei ist der Grand Prix seit Jahren tot und schimpft sich nun Eurovision Song Contest. Die deutschen Teilnehmer der letzten Jahre spulten ihre schlechten Popsongs runter und Europa bestrafte sie mit Nichtachtung. Zu Recht? Auch bekannte Namen wie die No Angels oder Alex Christensen boten nur eine domemäßige Performance ohne Stil und Anspruch. Die Bühnenshow war wichtiger als der interpretierte Song. Da liegt doch der Hase im Pfeffer. Songs sollten nicht interpretiert, sondern gefühlt, gelebt werden. Das Voting war also vorhersehbar.
Nun schickt Deutschland Lena Meyer-Landrut ins Rennen. Ein junges, unbekümmertes Mädchen mit Spleen. Sie überzeugte das deutsche Publikum mit Eigenständigkeit und künstlerischen Ansatz. Gut, dass die Pro Sieben-Seher nicht Kate Nash auf dem Schirm hatten und so die Kopie nicht als solche erkannten. Lena springt auf den jungen “weirden” Zug ihrer Vorbilder auf und kopiert luftig deren Stil. Macht nichts. Sie wirkt entspannt und charmant zugleich. Die Songs, nun auch von Raab geschrieben und produziert, spielen Lena in die Hände. Sie kann sich in ihnen verlieren, muss nie an gesangliche Höchstleistungen ran und kann ihre Leichtigkeit an jeder Hook vorbeischieben. Ellie Goulding gab einen ihrer geschriebenen Songs frei, um dem angelernten englischen Akzent Lenas noch mehr Authentizität zu verleihen.
Lena Meyer-Landrut
Zwei Coversongs haben es auf das Album geschafft. Adeles “My Same” und Jason Mraz “Mr. Curiosity”. Alles hüpft sommerlich durch das Autoradio und lässt einen manchmal grinsen. Denn Lenas Koketterie ist schon lustig und das ist es wohl, was dem deutschen Publikum seit Jahren fehlte. Ein Mädel aus der Nachbarschaft, dass ihren Traum lebt mit Unbekümmertheit und Lebenslust. Der Spaßfaktor wird greifbar und spiegelt sich in den Gesichtern der Hörer wieder.
Die Produktion ist raabtypisch. Von Allem ein wenig, um das dann soulig aufzuplustern. Lena kolportiert Teenielyrics und hüpft im Kleinen Schwarzen durch die Kinder- und Wohnzimmer. Die Eltern verstehen endlich mal die Musik ihrer Kids und sind froh mal wieder am Leben der eigenen Sprösslinge teilzunehmen. Lena bleibt somit ein Phänomen, dass man gut finden kann oder eben auch nicht. Ich wünsche Lena natürlich den Sieg in Oslo. Lieber Lena als die Pappfiguren der letzten Jahre. Sie hat ein Gesicht und eine vergessene Gabe, sie kann begeistern und ein Lächeln in Gesichter zaubern. Die Musik bleibt da zweitrangig. Eine CD mit “Satellite” und zwölf weiteren Liedern. Punkt. Das ist die beste Rezension. Den Rest macht Lena ganz alleine.
Erschienen bei Universal

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