Alva Noto – For 2

Auf Aristoteles geht die Vorstellung zurück, dass die Natur die Leere scheut, sodass jedes Vakuum bestrebt ist, sich mit Materie zu füllen. Während dieser Horror Vacui eine Konsequenz der atomaren Struktur ist und heute lediglich von historischem Interesse ist, hat ihm die Quantentheorie in veränderter Form wieder Leben eingehaucht. Es stellte sich heraus, dass selbst ein materiefreier Raum nicht leer ist, sondern stets von einem schwachen Quantenrauschen des elektromagnetischen Feldes erfüllt wird. Dadurch besitzt das Feld eine Minimalenergie oder Nullpunktsenergie, die von der Form und Beschaffenheit der Wände abhängt, die das Vakuum umgeben. Das begründet den Casimir-Effekt.
Bei Alva Noto scheint es auch so etwas wie einen Casimir-Effekt zu geben. Dieser beschreibt bei ihm die unscheinbare aber nicht zu unterschätzende Anziehungskraft von weitgehend nicht tonalen akustischen Ereignissen. Diese stehen wie Säulen oder Platten in Form von langen gleichmäßig gehauenen Klängen in einem Raum, der sich zwar noch nicht aller Zweifel entledigt zu haben scheint, aber bemüht ist die perfekte Form zu finden. Es gibt noch rudimentäre Beziehungskrusten zur Minimalelektronik von Byetone und Sleeparchive. Doch diese werden durch konstante Bestrahlung mit Restenergie im Laufe der nächsten 56 Minuten aufgerieben und zersetzt.

Der Raum steht in mildem Licht. Die Säulen sind exakt proportioniert, mit dem Zirkel austariert und folgen einer noch näher zu erklärenden Symmetrie. Ihre Oberfläche weist eine leichte Rauigkeit im Klang auf ohne von zu starker Verzerrung geprägt zu sein. Das verleiht ihnen Druck. Es entsteht ein Gleichgewicht, dass nach allen Seiten hin sicher ist. Gleichzeitig bleibt der Raum offen. Dieser wiederum zeichnet sich durch einen leichten Nachhall aus. Durch umgebende Winde wird der Hall sogleich ins Außen zerstoben.
Carsten Nicolai alias Alva Noto fasst mit „For 2“  insgesamt 12 mit Widmungen versehene Stücke der Jahre 2003-08 auf einem Album zusammen. Einmal mehr werden die Hauptcharakteristika seines Schaffens offenbar, Langsamkeit und Klarheit in der Ausdrucksform. So gelingt Nicolai eine Statik der Kargheit, die durch ein konsequentes Largo Stabilität und Suggestivkraft entwickelt. Reine Nullpunktsenergie.
Nie wird der einmal eingeschlagene Ruhepuls verlassen, auch wenn sich die klanglichen Themenfelder ins Tonale verschieben. Die Grundstimmung bleibt eine Konstante. Sie wird getragen von einer Gelassenheit, die jedes Aufkommen von Hektik im Keim erstickt. Eine weibliche Stimme konfirmiert diese Haltung mit sparsamen Sätzen in russischer Sprache auf dem natürlich an Tarkowski gerichteten “Stalker“. Dann tropfen medizinische Signalgeräusche ein. Der Raum zieht sich zusammen. Ohne sich zu sehr in Schreckensbildern zu ergehen, entsteht die Andeutung einer Stimmung klinischer Beklommenheit, wie sie z.B. Throbbing Gristle auf ihrem Album „Journey Through a Body“ entwickelten.
Auch wenn weitere Instrumente hinzutreten und die Arrangements sich verdichten erhöht sich die Schlagzahl nie. Das erhält die ausdrucksstarke Kraft des Albums über seine ganze Spannweite. Mit „Early Winter“ sickert schließlich in kleinen Dosen Harmonie ein. Wie sich zäh bewegende Kontinentalplatten schichten sich Streicherflächen zu akkordischen Gebilden übereinander. Danach folgt zwischenspielartig wieder verhaltene Hintergrundmalerei.
Mit „Argonauten-Version“ für Heiner Müller schließlich ist die Überraschung perfekt. Zu den langen Streichern gesellen sich nun sogar Bläser, Glockenspiel und Percussion. So wird ein einfaches harmonisches Motiv aufeinander geschichtet. Der Bau hält, weil auch er im Largo vollzogen wird. Die Langsamkeit verfestigt die einfachen Substanzen zu einer Baumasse von höchster Tragkraft. Das Ergebnis ist zu jeder Zeit zukunftsweisend und von höchster Eleganz.
“For 2” ist bei 12k/Line erschienen.
Carsten Nicolai

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