Rufus Wainwright – All Days Are Nights: Songs For Lulu

Rufus Wainwright hätte sich zurücklehnen können, um in aller Ruhe ein neues pompöses Meisterwerk aufzunehmen oder sich die Fingernägel stutzen zu lassen. Doch der Wunsch sich einfach ans Klavier zu setzen und zu spielen war größer. All der Glam und der Strass der vergangenen Jahre liegen nun auf Eis. Rufus geht zu den Wurzeln zurück, dorthin, wo nur ein Instrument ausreichte, die Stimme des Sängers zu begleiten. Keine Pauken und Trompeten für ein rosa Lebensgefühl. Nach dem Tod seiner Mutter und in der Phase der Krankenhausaufenthalte entstand das neue Album. So ist „All Days Are Nights: Songs for Lulu“ ein melancholisches Stück Trauerarbeit geworden, dessen seltene Sonnenstrahlen nicht warm genug sind, um die Nacht erträglicher zu machen. Rufus holt den Mantel aus dem Schrank oder viel schlimmer noch, er lässt ihn hängen.
Rufus singt und singt und singt. Er versucht all das Unausgesprochene aufs Papier zu bringen. Wainwright versucht all den Problemen, die zwischen der Kunstfigur, die er sich seit Jahren unbekümmert aufgebaut hat und seiner Gefühlswelt bestehen, ins Auge zu sehen. Tabula Rasa.
Er reicht seiner Familie die Hand, die ja auf den letzten Alben immer mal wieder ihr Fett weg bekam. Insbesondere Vater Loudon. Am Sterbebett treffen sie aufeinander, um die geliebte Mutter zu verabschieden. Martha, Rufus Schwester wird auf dem Anrufbeantworter angefleht. Seelenstriptease. Natürlich waren einige Stücke schon vorher fertig, doch die Aufnahmen, die vorzüglich geworden sind und all die Kraft und Tragik der Figur Rufus widerspiegeln, fielen in den Prozess des Loslassens. Rufus rudert zurück, überdenkt manch großspurige Laune seines Lebens noch mal und versucht den Dämon seiner frühen Jahre, die noch mit Drogen und ungeschütztem Sex gekennzeichnet waren, zu bekämpfen. Natürlich lockt immer noch an jeder Ecke der Exzess, doch Wainwright ist ruhiger geworden. Das Rampenlicht kann auch schon mal runter gedimmt werden.

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Die Songs auf „All Days Are Nights: Songs for Lulu“ sind aber trotz allem voller Melodiebögen und schwierigen, nur von Rufus verstandenen Tempiwechsel und dissonanter Ausschweifungen. Ein unnützer Akkord wird gefeiert bis er seinen Nutzen von selbst erkennt. Die Wiederholung macht den Unterschied aus. Rufus wollte weg lassen. Doch das hatte wohl nur mit dem Orchester, den Tänzern und dem Scheinwerferlicht zu tun. In seinen Songs sind immer noch unzählige Teile und Schwankungen zu spüren, dass man glaubt aus “Zebulon” hätten andere ein ganzes Album gemacht.
Der klare Popsong oder der klare Klassik-Entwurf interessiert Rufus nicht. Er braucht kein Genre oder ein Klischee. Jede einzelne Note passt ins Bild und Rufus Tränen schmiegen sich auf die Tasten, die er wunderbar bedient. Natürlich gehört es zum Understatement zu behaupten, dass das Talent wohl anderen in die Wiege gelegt worden wäre, doch er hat seine eigene Rhythmik, seinen Anschlag und seine Pausenästhetik, so dass man von einem einzigartigen Pianisten sprechen darf. Punkt, Ende, Aus.
Die live eingespielten und ohne Overdubs aufpolierten Stücke lassen die Schultern hängen. Schon der Opener „Who Are You New York?“ zeigt das Touristen-New York mit all den Schattenseiten und der Fratze der Sehenswürdigkeiten. Das Shoppen wird zum Spießrutenlauf.
Die Shakespeare-Sonette, die Rufus schon vor einiger Zeit vertonte, passen gut in das düstere Bild, des nach Liebe und Anerkennung lechzenden Sängers. Seine Stimme versucht alles, geht in die Höhen und versucht ohne Atmung auszukommen. Jedes Nuscheln wird mit dem Tremolo verziert, so dass eine gewisse Lautmalerei nicht von der Hand zu weisen ist. Das Titelstück seiner Oper „Prima Donna“ holt Rufus auf die Bretter der Klassik mit all ihren Spänen und zeigt ihn als gefallenen Star, kurz nach dem Feuerwerk. Rufus klopft auf sein Klavier. Er poltert, um das Feuerwerk für uns akustisch nach zu malen.
Die Songs haben dieses klassische Gewand, doch Wainwright umschifft das Dröge, den Standard und drückt seinen Stempel über all auf, wo ihm die Partitur noch Platz lässt. Jedes Schluchzen, jeder Anflug von Mittelmaß oder Dudelei versucht Wainwright mit einem weinenden Auge aus der Nahsicht zu entfernen. Er singt und quält dabei seine Stimmbänder. Er genießt die Aufmerksamkeit, wäre aber wohl lieber unbeobachtet. Eine Rampensau mit Minderwertigkeitskomplexen, die ihm teilweise den Boden unter den Füßen wegziehen. Auf Knien rutscht Rufus nun vor uns her und fleht und bettelt um eine Rose.
„All Days Are Nights: Songs for Lulu“ ist das Werk, dessen Pausen und Ruhe immer wieder begeistern. Dessen Ecken und kleine Fehler, dass Ehrlichste ist, was der Hahn uns in den Stall legen konnte. Wir streicheln seine Federn und reichem ihm unsere Genitalien. Jetzt kann er mit uns machen, was er will. Wir ergeben uns und schreiten mit ihm durch die Nacht. Und morgen ist dann die Beerdigung und abends diese Opernvorführung. Es gibt viel zu tun…
Erschienen bei Decca

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