Kristof Schreuf – Bourgeois With Guitar

Die Hamburger Schule hat alle Lehrer gefeuert. Die Schüler proben heute in runtergekommenen Proberäumen und suchen nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten, um nicht ständig in der Schublade zu landen, die nur mit dem verrosteten Schlüssel geöffnet werden kann. Pandora. Wer heute noch auf Deutsch textet, gibt sich in die Schlangengrube der Germanisten-Mafia. Die alt gewordenen Oberlehrer der ersten Stunde beackern unbekümmert das von ihnen bestellte Feld.
Hamburg bleibt da wohl der Standort, wo jeder, der eine Gitarre halten kann Popstar-Allüren entwickelt. Die Stadt pulsiert, doch der Neuankömmling bekommt nur die alt eingessenen Fratzen zu Gesicht. Man muss sich mit ihnen auseinander setzen, ob man es möchte oder nicht. Ein lauschiger Bierabend ohne Rocko, Dirk und Jochen ist undenkbar.
Kristof Schreuf war mal Marktschreier. Mit Kolossale Jugend war er die Stimme eines Umbruchs, ein Schild, das nicht nur vor Tomaten schützte, sondern auch eine Sprache entwickelte, die dem deutschen Liedgut den Rücken kehrte, um neue Fassungen einer gesellschaftlichen Darstellung zu erörtern. Kristof Schreuf war ein Vordenker und unangepasster Nebenbuhler. Immer wurde zitiert, obwohl Deutschpop-Liebhaber nie von ihm hörten und es sich auch nicht wagten, mal in die Untiefen deutscher Popkultur vorzustoßen. Jeder geschlossene Raum ist ein Sarg. Auch Distelmeyers Zitatendrescherei brachte nur wenig Props. So blieb auch die Nachfolgeband Brüllen ein Geheimtipp. Nur Bachmannpreis-Fetischisten und Nachteulen bekamen Schreuf zu Gesicht.
Das Gerücht eines Soloalbums kursierte ständig. Man sollte halt warten. Ein Fidel Bastro-Samplerbeitrag mit „You Shook Me All Night Long“ ließ aufhorchen. Die WDR-Sendung „My Generation“ mit Schreuf als Zwischenspieler/Pausenfüller/Demonstrant ließ hoffen, dass doch noch mit ihm zu rechnen ist. Wann auch immer.
Nun ist es da. Das erste Album des 47-Jährigen mit eigenem Namen auf dem Cover. Schreuf bietet Bewältigung mit Klassikern an. Er benutzt Versatzstücke bekannter Gassenhauer aus Rock und Pop , um diese mit Inbrunst und Verpflanzung neu zu interpretieren. Da kann schon mal Richard Hell mit den Animals auf ein Wochenendseminar fahren. Sparsamkeit als Stilmittel. Nichts Überflüssiges besudelt die Stücke. Jeder Ton ist lange durchdacht, jedes Zitat wird dem Volk zum Fraße vorgeworfen. Jetzt muss man nur noch kauen und das Schlucken nicht vergessen. Wie eine Messe ohne Konsumenten. Das Angebot bleibt unberührt liegen. das Kleingeld in der Hosentasche. Schreuf bleibt allein mit sich und gospelt sich in Ekstase.

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Die Bah-Bahs der Stones wärmen jeden zitternden Gitarrenakkord. Schreufs Stimme bleibt ein wahrer Hinhörer, ein Manifest, ein Hinkelstein. Schwer authentisch, nah am Geschehen und am Gefühl. Zeilen werden gestrichen, um noch mehr Dichte oder eine Umkehr der Verhältnisse zu provozieren wie in Iggys und seinen Stooges “Search & Destroy”. Indeep bekommen ihr Alltime-Favoriten-Stempelchen im balladesken Geisterkostüm. Die Post-Disco hat geschlossen. „Last Night A DJ Saved My Life“. Deins auch?
Stampf-Polter-Drums unterstützen fast ungewollt das Vorhaben, hier nur einen Anriss des Ganzen zu präsentieren. Schreuf bleibt immer auf dem Sprung. Jede Ecke bietet neues Angriffspotenzial. Jede Hookline sollte noch mal auf Bestand überprüft werden. Und jedes Lagerfeuer wird von Schreuf höchstpersönlich ausgepinkelt. Der auf Deutsch gesungene Titeltrack hat diesen alten Brüllen-Charme. Der Beat treibt dich in die nebelige Welt des Unverstandenen. Mensch sein ist nicht immer so einfach. Und mit den Anderen leben zu müssen, auch nicht gerade ein kleines Übel. Das Wort Diskurs-Pop gehört öffentlich verbrannt und Schreuf würde sogar Streichhölzer mitbringen und den diabolischen Verführer spielen.
“Echtheit“ sei hier auch kurz auf den Scheiterhaufen geworfen. Einige Journalisten dieses Landes behaupten kühn, dass auf „Bourgeois With Guitar“ drei „echte“ Songs wären. Mash-Ups haben immer noch nicht das Ziel der Neuinterpretation und des Kunstkontextes erreicht. Dafür sind die Scheren in den Köpfen anscheinend noch immer zu groß. Kristof Schreuf lässt alles und alle hinter sich. „Bourgeois With Guitar“ ist das deutsche Album des Jahres, da können sich andere Oberlehrer auf den Kopf stellen und die jungen Nachwuchsmusiker sollten einfach weiter proben bis sie verstanden haben, um was es eigentlich geht. Nachspielen ist nicht immer Nachspielen. Bierzelt nicht gleich Bierzelt und The Who nicht Simon&Garfunkel. Oder doch?
Erschienen bei Buback

0 Gedanken zu „Kristof Schreuf – Bourgeois With Guitar“

  1. “Anders als glücklich”, hat Kristof Schreuf gesagt. Ja ja. Aber letzendlich sind doch alle Hamburger-Schule-Zauseln irgendwo her gekommen. Da gibt es wenigstens Bier als Pausenbrot.

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