Bill Callahan – Rough Travel For A Rare Thing

Die Ruhe vor dem Sturm. Bill Callahan zieht nie das Tempo an und wenn dann mit beiden Füßen auf der Bremse. Er ruht tief in sich und in seiner Stimme. Ein großer Geschichtenerzähler ist er geworden. Noch als Smog war er des öfteren kurz vor dem Aus, kurz vor der Selbstkasteiung. Teilweise sogar fast sprachlos. Ein leiser Zyniker. Doch seit einigen Jahren schimmern immer wieder Sonnenstrahlen durch das Gitterfenster und die zynischen Zwischentöne werden lautstark auf die Reise geschickt.
Das Wandeln und Wandern ist eh Bills Thema. An welchem Ort ist dein zuhause? Und brauchst du feste Größen im Leben? Die Liebe macht so vieles kaputt. Und doch hechelt man ihr immer hinter her, nur um nicht alleine vor die Hunde zu gehen. Das Glück ist oft nur von kurzer Dauer und jeder noch so kleine Finger wird dir von der Hand gerissen. Bill bleibt der Orthopäde mit der Betäubungsspritze. Samthandschuhe liegen bei ihm nicht im Flurschrank. Die langjährige Reise hat nun sein Dokument.
Bill Callahan schenkt der Fangemeinde eine Live-Doppel-LP. Ohne Schnick Schnack und ohne Strom. Er blickt natürlich auf einen fetten Backkatalog zurück. So ist die Playlist ein wildes Durchfliegen seiner Karriere. Aus fast allen Schaffensphasen haben es Songs ins Set geschafft. „Knock Knock“ und „Wild Love“ werden da nur kurz berührt, denn Bill Callahan steht nun mit seinem Namen im Vordergrund. Der dichte Nebel und heftige Smog schaut nur manchmal durch die Akustik-Referenzhölle. Bill hat seine Band gut eingespielt. Sie begleiten ihn zurückhaltend und unterwürfig. Das Schlagzeug spielt sanft mit wenig Kick, darf aber gegen Ende schon mal Dampf machen. Wasser ist nicht nur zum Trinken da und die Geigen gehen nur dann in die Höhen, wenn Bill mit dem Kopf nickt oder aus der Hocke in die Grundstellung zurückkehrt.
Bills Stimme ist in den Jahren noch tiefer geworden. Sie schiebt sich immer wieder an den Rand der Songs und manchmal springt sie mit einem Schlenker über die Grenzen hinaus und verliert so Raum und Zeit. Die akustische Gitarre zupft sich klappernd durch den Blues und sieht oft den Stetson von hinten. Jede Folktradition bekommt ihr Fett weg, ohne sich anzubiedern. Bill bleibt der Wolf, der von Stadt zu Stadt zieht und grübelt und brummt. Die Familie wird ständig verlassen, um sie zu vermissen.

Bill Callahan

“Diamond Dancer“ knallt fast. Noch mehr als auf der Studioversion kumpelt der Song mit allen Facetten, die Bill so einzigartig machen. Aus dem Nichts, mit wenigen Akkorden taumelt der Song sich in dein Hook-Herz und hinterlässt deutlich Spuren. Jeder Anflug von Groove wird mit dem Hang zur Depression weggeschluchzt. Man folgt Bill in die tiefsten Höhlen, man streichelt seinen Kopf und man möchte ihn glücklich sehen, obwohl dann wäre vielleicht bald Schluss. So bleibt uns Bill immer im Gedächtnis. Ein Trauerkloß, der so tief in der Suppe schwimmt, dass nur die Fettaugen vom Leben berichten können.
Bill zieht sich bis auf die Seele aus und wir sind von so viel Nacktheit manchmal fast ein bisschen überfordert. Wir warten auf den Akkordwechsel, auf die Übersprungshandlung, doch Bill lässt uns zappeln, wie einen Hecht im Netz. Und erst am Ende gibt es mit dem Hammer einen Schlag auf den Kopf.
Alles bricht auseinander und wirkt leicht verstimmt. Die Instrumente spielen miteinander, obwohl es manchmal so klingt als würde die Band hinterher hecheln. Die Parts sind offen. Die Brücken und Wechsel spielt Bill nach gut dünken. Ein E-moll bleibt schon mal stehen, bis der letzte Kaktus seine Stacheln verloren hat. Und dann kommen doch noch einmal die Geigen aus der Traufe und versuchen Lärm zu machen. „The Well“ pumpt sich durch neun Minuten. Und Bill schwadroniert und verliert den Boden unter den Füßen. Hammer! Jeder kleine Ausraster oder Fingerzeig wird von einer Charme-Defensive übermannt. „Bathyspehre“ zeigt Bill in der Form seines Lebens. Wie hingerotzt klingt der Indie-Hit. Aus dem Unterholz steigern sich die Background-Chöre und Bill schwebt im Leichentuch über den Engeln. Bill Callahan ist aus dem Plattenschrank nicht mehr wegzudenken. Er sitzt mit festen Schuhen in meinem Herzen und ich werde ihn immer lieben. Das letzte Abendmahl ist noch lange nicht angerichtet. Zu viele Sünden müssen noch begangen werden. Ein Live-Album gehörte früher mal dazu. Heute ist das schon alles gar nicht mehr so schlimm.
Erschienen auf Doppel-Vinyl bei Drag City

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