Yvonne Catterfeld – Blau im Blau

Yvonne Catterfeld hat immer noch diesen Schlafzimmerblick, doch diesmal schaut sie nicht unschuldig drein. Ihr Blick zeigt, dass sie nun weiß, was sie will und sie es sich von Zeit zu Zeit auch nimmt. Nur bei den Songs versuchen immer noch zu viele Köche ihre Rezepte an ihr auszuprobieren. Mal klappt das, mal versalzen sie das Gesamtbild des Albums.
Yvonne hat einen Sprung gemacht. Das ist offensichtlich. Sie will nun ernst genommen werden. Doch müsste sie da nicht etwas mehr aus ihrer Haut fahren? Nach ihrer Daily-Soap-Phase schipperte sie den schlageresken Bohlen-Weg entlang. Die Charts liebten sie, kleine Mädchen wollten so sein wie sie und die Jungs schauten heimlich in die Bravo und hatten erotische Träume mit dem Ossi-Mädchen von Nebenan. Doch Yvonne wollte mehr. Einen Manager und Lebensabschnittspartner-Wechsel später stand Yvonne kurz vor dem Aus. Sie benötigte ein neues Gesicht. Dass dieses Romy Schneider gehören sollte, lag da auf der Hand. Doch auch dieser Weg wurde durchkreuzt. Also warum nicht wieder ein Album in kleiner Besetzung mit intimen Songs aufnehmen?
“Blau im Blau“ versucht erwachsen und clever zu klingen. Yvonnes Stimme klebt zuckrig über Weichspüler-Pop. Wer da Soul sagt muss mit jahrelanger Folter rechnen. Man muss auch mal die Kirche in der Vase lassen. Yvonnes Stimme hat Potenzial. Das spürt man bei jeder Blue Note. Ihr Hauchen und Flattern bringen Wohlbefinden und Klasse. Ein Summen kann schon mal zu Gänsehaut führen und jeder Liebesschwur wird wahrhaftig und groß. Doch die Songs, die um diese Gabe gebaut wurden, können leider nicht mit diesem Gefühl mithalten. Zu platt sind die deutschen Texte, die immer wieder mit fragwürdigen Bildern der Freiheit locken und Floskeln des Schlagers adaptieren, dem Yvonne doch entkommen wollte. Die Arrangements sind luftig und akzeptabel. Da kann man nicht meckern. Aufgeblasen wird eigentlich nichts. Gerade die Bossa Nova-Stücke grooven radiotauglich ins Herz und haben wiedererkennbaren Charme. Der Chanson-Vergleich hinkt dabei aber gewaltig. Dafür fehlt leider die gewisse Tiefe und der nachvollziehbare Schmerz.

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Yvonne wird immer dann am Besten, wenn sie versucht sich einzuigeln und den Rückzug antritt, so als wäre es das letzte Lied, das sie jemals mehr singen wird. Die Single „Blau im Blau“ hat diese gewisse Hook, die du beim morgendlichen Duschen halbherzig mit trällerst. Träume bleiben Schäume, doch Yvonne setzt ihnen noch die Barbie-Krone auf. Xavier Naidoo steuert einen Song bei und bei jedem Wort hört man den Prediger hüsteln. „Immer noch“ hat diesen Rimshot-Knackser, der Naidoo schon zu Fußballfans und in die Fankurven brachte. Trotzdem fliegt Yvonnes Stimme leicht über diesen Liebesreigen. Man möchte ihre Hand halten.
Nein, ich möchte ihre Hand halten und ich möchte sie warnen. Yvonne, du musst aufpassen! Gerade die schnelle Nummer „Traummann“ schmerzt. Aber nicht im positiven Sinne. Nicht, dass bald irgendeiner auf die Idee kommt und dir ein Roger Cicero-Hütchen aufsetzt und sagt: „Jetzt swing mal!“ Peinlichkeiten bitte großräumig umfahren!
Die besten Songs sind die, die man nicht erwartet. Babyface und Stevie Wonder werden zitiert oder soll man gecovert sagen? Wenn nicht immer diese Poesiealbum-Lyrik wäre. Schade! Die beiden tollsten Stücke verstecken sich fast am Ende des Albums. Ob das Absicht ist? Bis dahin hört eh keiner mehr?
Auf einmal zeigt die Catterfeld zu was sie fähig ist. Endlich stimmt der Chanson-Vergleich. Yvonne entdeckt die Knef in sich. Natürlich ohne Verschrobenheit und Eierlikör, doch man lauscht begeistert ihren Worten. Toll! Und das Abschlussstück ist auf Englisch. Endlich versteht man nicht mehr die Texte. Yvonne singt groß und schreit nach tollen Bühnen, Filmen und Oscar-Kleidern. Sie zeigt, dass sie vielmehr drauf hätte, wenn man sie nur ließe oder ihr mal jemand einen richtigen Song mit an die Hand geben würde. Ihre Berater sollten noch mal in sich gehen.
Dieser, angeblich neue Weg ist schon nicht schlecht, doch immer noch zu sehr Weichspüler. Steine gehören in jede gute Trommel. Man spürt bei fast jedem Song, da hätte man was draus machen können. Andere Texte, einige Schnörkel weg lassen und ein bisschen mehr Staub und Whisky bei den Aufnahmen. Muss immer alles amtlich klingen?
Bei „December Pray“ sieht man Yvonne im Wasser. Die Titanic ist gerade untergegangen und Leonardo taucht neben ihr auf. Sie dreht sich kurz um, um zu schauen, ob sie jemand beobachtet. Sie drückt ihn nach unten bis die letzten Blasen verpufft sind. Mit mir gehen die Gäule durch. Yvonne, denk mal drüber nach!
Erschienen bei Sony

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