Jenny Wilson – Hardships!

Jenny Wilson stolpert gerne mal. Auch sind in Schweden stets größere Stolpersteine im Weg. Labels werden gegründet und wieder eingestampft. Auch Jenny gründete ihr eigenes Label und veröffentlichte „Hardships!“ schon auf kleiner Flamme als Küchenutensil. Doch der Andrang hielt sich in Grenzen. Schweden war begeistert, doch Deutschland wurde ganz vergessen, oder vergaß Deutschland einfach Jenny?
Welch ein Fehler! Jenny Wilson überzeugte doch schon vor fünf Jahren mit ihrem Debüt „Love & Youth“ die Kritiker und galt in Mädels-Cliquen als das neue Frauenbild mit Kate Bush-Gefühlsanordnungen. Nun ist das zweite Kind da und auch das zweite Album. Einiges hat sich geändert. Natürlich zaubert Jenny immer noch mit ihrer Stimme, doch das Gerüst hat sich verformt. Der Unterbau ist nun mit viel mehr Hüftgold plakatiert. Und das hat nichts mit Gürkchen und Nutella zu tun. Der Beat spielt die Musik.

Die Songwriterin kuschelt sich mit R’n’B in neue Gefilde und lässt Kate Bush in den Achtzigern liegen. Die Songs gehen das Muttersein energisch an, der Mann ist fort und nur der Beat lässt die Tränen trocknen und neue Lover wickeln sich nachts die Hände wund. Das Klavier hüpft und die Percussions schnippen sich in Missy Elliott-Trainingsanzüge. Alles klingt taufrisch und seltsam unschwedig.

jenny wilson live

New York ist allgegenwärtig und zelebriert dir den Soul der Nannies. Die Hände sind nicht allein zum Spülen da, sondern sind Taktgeber für lustvolles Geschnatter für die abendliche Theaterprobe mit den anderen Müttern aus dem Viertel. Man muss wieder raus und was für sich tun. Jenny lebt es vor, doch oft wird ihr Lebensdrang durch das Babyfon zerstört. Es gibt halt viele Aufgaben im Leben einer Frau. Alles unter einen Hut zu bringen, scheint das Kunststück zu sein, dass Jenny wunderbar beherrscht.

Hardships!“ zieht konsequent große Kreise. Bedient sich beim HipHop und lässt auch einen Blick auf dein Bling Bling nicht aus. Jenny Wilson strotzt vor Kraft und Ausstrahlung, dass es eine Wonne ist. Probleme werden weggetanzt oder wenigstens angeheult. Wie ein kauziger Wolf wird der Schädel in den Nacken geworfen und geflennt. Die Texte überschlagen sich manchmal, haben aber genug Körper, um andere in Schach zu halten. Klagelieder werden zu Traumsequenzen mit Taschentuch und Lederpeitsche.

Ein Pfiff ertönt und die Küche ist Austragungsort der ersten Halbzeit. Songcollagen werden zu Discoperlen, die immer wieder unangestrengt der Tanzkapelle in die Karten spielen. Der kurze Ausflug in das Songbuch einer Joni Mitchell zeugt von großer Strahlkraft und Übersicht. Nina Simone lächelt vergnügt in der Abendsonne, auch wenn das Baby mal wieder zu fest an der Warze saugt. Kraftvoll und immer um Eigenständigkeit bemüht ist „Hardships!“ das Aushängeschild des neuen weißen R’n’B, da kann sich Lady Gaga ihr „Product Placement” in ihren kleinen Popo stecken. Jenny Wilson unterhält die Hood und die wedelt mit dem Abtrockentuch und übt Lapdance an der heimischen Stange. Der Gospel ist der Kirche entfleucht und sucht Trost in Schweden. Wunderbar!

Erschienen bei Gold Medal/Edel

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