Fenn O'Berg – In Stereo

Der Ursprung ist nicht mehr zu entziffern. Die Laptops werden warm und deine Augen zu kleinen Schlitzen. Fenn O’Berg tauchen nach acht Jahren mal wieder aus der Versenkung auf. Natürlich waren sie nie richtig weg, doch auf dem Schirm hatte man die Pioniere des Laptopverknüpfens wohl auch nicht ständig. Diesmal ging es nach Tokyo, wo Jim O’Rourke seit Jahren lebt und arbeitet. Die letzten Veröffentlichungen waren ja Live-Mitschnitte. Diesmal also ein Studioalbum, was mit der Tradition der Moderne kuppelt und sich phrasenstark “In Stereo” nennt.
Christian Fennesz und Peter Rehberg komplettieren dieses Kollektiv, das sich um Poprationalität nie scherte und auch heute eher der Zerhackung der Ordnung Tribut zollt. Gitarren erkennt man undeutlich und Beatlosigkeit lässt einen wachsam zurück. Die Klänge multiplizieren sich zu Sound-Oasen ohne Wassertanks. Der Rechner ist nicht mehr alleiniger Herrscher des Gemüts. Auch analoge Techniken werden zirkulativ in die Mitte geworfen. Ungestüme Samples werden unterschwellig ins Bodenlose gedroppt und Knisterreien zwischen den Gezeiten verpuffen gedankenverloren in der Edelschlucht.
Störgeräusche werden zu deinem Herzschlag. Du erinnerst dich vage an experimentelle Musik. Die Avantgarde belebt das Geschäft und die Ladenöffnungszeiten haben sich ins Unermessliche erhöht. Akustische Instrumente versuchen sich Gehör zu verschaffen, doch Fenn O’Berg geben ihnen nur Bruchteile ihrer Herkunft zurück. Das Zupfen eines Gitarren-Chords beschäftigt Christian Fennesz eine halbe Nacht.
fenn o berg schwarz
Die Arbeit am Klang, die Zersetzung und Wiederaufbereitung des Tons stehen auf der Achse zwischen Erinnerung und Verlust. Jeder Schwenk mit der Handkamera wackelt. Stur oder gar stoisch ist dies nicht zu nennen. Eher abgebrüht. Beweise müssen Fenn O’Berg nicht abliefern, zu viel ist in der Computerwelt passiert.
Die “Parts” titulierten Tracks halten ihre Ziffern stets im Blick, doch haben ihre stringente Reihenfolge in Tokyo gelassen. Kurze Ruhe vor dem Sturm, wenn sich aus der Finsternis ein raues Lüftchen seinen Weg bahnt. Auf der Vinyl-Pressung gibt es ein zusätzliches Bömbchen. Die CD-Fetischisten kommen mal wieder zu kurz. So ist die harte Realität.
Fenn O’Berg schmieden alte Eisen mit neuester Software und halten ihre Köpfe stets dicht beieinander. Man darf halt nicht verpassen, was der andere gerade macht. Wäre ja auch zu dumm, wenn ein Bruchteil einer Sekunde tatenlos verpuffen würde. Die spröden Hände bekommen selten Feuchtigkeit. Die freie Improvisation und die auf den Punkt folgende Analyse macht “In Stereo” zur Reise in die Wunderwelt der Pragmatiker. Wer nicht hören will, muss fühlen.
Fenn O’Berg liefern fett ab und bleiben wohl die Nerds der Avantgarde. Die analogen wie digitalen Synthies kleben in der Gleitzone. Das Chaos wird begutachtet und gestempelt und jeder Perkussion wird die Hüfte entfernt. Klapperstörche fliegen von Dach zu Dach und und rasieren sich die Beine. Dick ist das neue Dünn und Fenn O’Berg tragen wieder auf, nicht nur ihre alten Fetzen…
Erschienen bei Editions Mego

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