Mika Vainio – Time Examined

Wolken ziehen vorüber. Es handelt sich um Paradebeispiele einer Nephologie des Klangs. Die Lautsphären-Kompositionen des finnischen Ex-Pansonicers Mika Vainio sind vielgestaltig, sie verlangen nach Raum und Zeit, um ihre schlichten aber massigen Charaktere zu entfalten. Sie brauchen Luft zum atmen, damit sich ihre Schönheit in voller Größe entblättert.
Da gibt es den eher rumpelig verhaltenen Vertreter des Typus Krach. Da gibt es ebenso die flatterige Geräuschfahne mit leichten granulatartigen Einschlüssen. Oder die zarteren sehr flächigen amorphen Vertreter, die unstrukturierter vorbeirauschen, sich als Wände oder stehende Wellen ergeben. Wie auch die strukturierten Lautsphären, in denen man die Herkunft manchen Geräuschs noch zu erahnen glaubt. Ist hier eine Maschine am Werke und wenn ja, welche? Hören wir das Brummen eines Haushaltsgerätes oder ist es doch eher ein Baufahrzeug? Vernehmen wir etwas, das natürlicher oder doch technischer Herkunft ist?
Mika Vainio hat viel Zeit. Aus seiner anscheinend unverschöpflichen Ressource Ruhe baut er lakonisch und formalistisch ausladende Klangflächen. Aus seinen Kompositionen erheben sich filigrane Spannungsbögen, in dem er die Klangflächen in Übergängen von mehreren Minuten immer wieder von Unkonkretem zu Konkretem verschiebt und umgekehrt. Die Gestalten der Geräusche mäandern zwischen abstrakter Formlosigkeit und klarer Identität, zwischen natürlicher Schönheit und technischer Faszination. So setzt er äußerst überzeugend feine Kontrapunkte. Dann z.B., wenn das charakteristische Geräusch einer anspringenden Gasheizung aus einer unbekannten Klanggeschichte heraus einem unvermittelt vor die überraschten Ohren fällt und die Geschichte so aus einer ganz anderen Perspektive heraus weiter gesponnen zu werden scheint.


Aufs erste Hören mag man vielleicht vermuten, die Arbeiten von Mika Vainio seien so dahin geworfen, so roh und unbearbeitet, so aus dem Ärmel geschüttelt. Aber das sind sie nicht. Dazu sind die Anschlüsse und Übergänge der Sphären zu stimmig. Dafür sind die wenigen aber um so spektakulär hineinschreienden effektierten klanglichen Kontrapunkte zu präzise. Dafür ist der Umgang mit dem Rohmaterial Geräusch insgesamt zu subtil, zu audiophil.
Bei „Berns“ etwa tauchen unvermittelt ein paar wenige wohldosierte Kickdrum-Akzente auf, um nach einer kurzen Steigerung von sehr dynamischen und verzerrten Einwürfen konterkariert zu werden. Ein starker Moment, der, das wird nach dem Weiterhören klar, auch ein Stabilitätsanker dieses herausragenden Albums ist, das in seiner ganzen epischen Breite eine enorme Sogwirkung entfaltet.  Im weiteren Verlauf lichtet sich schließlich die dichte Wolkendecke der Lautsphären. Es entstehen weite Räume, die als Experimentierfelder und Podeste dienen für verschiedene in aller Ausführlichkeit betrachteten einzelnen tonaleren Klänge. So kommt Mika Vainio am Ende seines Albums an einen Punkt, der gar nicht so weit entfernt zu sein scheint, von den Flächen und Figuren eines Asmus Tietchens.
Time Examined, das ist jetzt schon klar, ist ein übrigens mit ausführlichem Booklet erscheinendes Album, von dem noch zu reden sein wird.
Time Examined von Mika Vainio ist bei Raster Noton erschienen.

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