Joanna Newsom – Have One On Me

Joanna trägt ihre Harfe durch das Hotelzimmer. Sie braucht keine Hilfe. Es ist ihr Baby und da lässt sie keinen Fremden dran. Ein schwerer Brocken ist auch ihr neues Album. Zwei Stunden Musik auf drei Scheiben, das ist schon mal eine Ansage. Ihre Hörerschaft wartet schon seit geraumer Zeit gespannt auf die ersten Töne und wird belohnt. Alle anderen werden Joanna mit großen Augen angucken und fragen: “Warum machst du das?“
Joanna war immer schon anders und sie spielte nicht mit Puppen, sondern mit Pferdehaar. Wo andere Mädchen mit Jungs ausgingen, ölte Joanna ihr Baby ein und zupfte gedankenverloren traurige Balladen. Ihre Stimme war immer ein leises Kieksen und ihre Texte waren auf der Suche nach Glück oder einer Heimat, die einen beschützt und herzt. Auf einmal kam der Erfolg. Als hätte die Welt auf ein hübsches Mädchen mit Harfe gewartet! Superwoman im Blümchenkleid.
Die Welt stand Kopf, auch Depri-Crooner Smog. Er verliebte sich inbrünstig in die kleine Elfe, doch ihre Liebe war nur von kurzer Dauer. Joanna musste weiter. Ihre Mission und der Drang Menschen zu berühren, und ein Lächeln in Gesichter zu zaubern waren stärker, als ein gemeinsames Frühstück mit Callahan. Große Produzenten meldeten sich. Steve Albini drückte die Recordtaste und Van Dyke Parks kritzelte tolle Streicherarrangements auf Joannas Harfenkorpus und die Songs wurden immer länger. Jede Wendung, jedes Schluchzen wurde vom Publikum mit offenen Mündern goutiert. Joanna war angekommen. Indie-Nerdtum und große Geste paarten sich hemmungslos und die Theaterbühnen waren ihr sicher. Das Publikum kaufte am Merchandise-Stand Harfen im Kleinformat und quälte seine Mitmenschen auf Autofahrten mit Joannas Gefühlsduselei.
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Nun ist einige Zeit vergangen. Joanna Newsom ist zur Frau herangereift. Nun kennt sie ihre Wirkung auf Männer und Frauen und trägt den großen Sonnenhut, um ihre weisse Haut vor zu viel Sonnenstrahlung zu schützen. High Heels zur Harfe machen nicht nur den Mittelalter-Junkie ganz wuschig.
Ihre Musik bleibt träumerisch, langatmig und ausgestattet mit verworrenen Texten. Archaische Kora-Musik säuselt durch die Hotelzimmertür. Was ein Musikstudium nicht alles bringt! Natürlich muss auch gefühlige Klassik eines Debussy auf den Lehrplan. Doch Joanna will nicht nur für Fachidioten ein Sternchen sein. Sie will die große Popgeste, die Inszenierung und das Blumenmeer. Der Bademantel bei den Zugaben wäre der letzte Schritt.
Divenstatus hin oder her, Joanna verzückt. Ob da ein Dreifach-Album notwendig ist, bleibt eine Geschmacksfrage. In kleinen Mengen, vielleicht ein oder höchstens zwei Songs pro Tag können dich schon nach den ersten Takten verzaubern. Joanna beackert ein altes Amerika, lässt mehr als ihre Harfe zu und wendet sich mit geschlossenen Augen zu den Roots hin. Auch lässt Joanna neuerdings mal die Harfe stehen und setzt sich ans Klavier. Wie eine Bar-Jazz-Trutsche zwirbelt sie lässig einige verruchte Versatzstücke des verloren gegangenen Cool-Jazz raus. Die Jungs in der ersten Reihe würden ihr gerne einige Dollarscheine ins Höschen stecken. Doch so weit lässt es Joanna nicht kommen. Das hier ist eine Kulturveranstaltung.
Auf einmal geht ihre Stimme in eine tiefere Lage und wir Elfenfreunde schauen uns verdutzt an. Ist das noch unsere Joanna? Sicher! Newsom versucht rastlos neue Wege einzuschlagen. Natürlich revolutioniert sie nicht das Tagesgeschäft, doch des öfteren blickt ein Joni Mitchell-Timbre um die Harfe. Auch Größen wie Nina Simone oder Laura Nyro standen Pate.
„Have One On Me“ ist neuer, heißer Scheiß. Wer Folk drauf kleben möchte, bitte! Doch Joanna windet sich und sucht das Glück ihrer verlorenen Seele. Sie geht den schweren Weg und das ist ihr hoch anzurechnen. Sie hätte auch ein hookiges kurzes Süßholz-Popalbum aufnehmen können oder das Playboy-Angebot annehmen. Aber Joanna bleibt sich treu und malt ein großes E auf das U. In gut dosierten Mengen wirklich wunderbar, doch als ganzer Brocken schwer zu ertragen. Die Jahrescharts werden ihr trotzdem schon sicher sein, aber das scheint Joanna gar nicht so wichtig. Ihre Suche nach Prog-Rock ohne Rock wird sie noch lange beschäftigen. Und uns auch…
Erschienen bei Drag City

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