Tripping The Light Fantastic – EP

Die Welt ist manchmal grau und böse. Menschen sind manchmal grau und böse. Hamburg ist manchmal grau und böse. Schubladen werden geöffnet, man steckt schnell die wichtigsten Utensilien hinein und wartet auf den Einbrecher, der mit seinen spitzen Fingern schon vor dem Haus wartet und das Kostbarste rauben möchte, das du besitzt. Manchmal sind es nur Kinkerlitzchen.
Dies ist der neue Freizeit-Kick der Superreichen! Auf frischer Tat ertappt weint dann der Eindringling und winselt, dass er für den Abi-Ball seiner Tochter Geld benötigt, um ihr ein tolles Abendkleid kaufen zu können, damit sie genau so schön ausschaut wie die Vorzeige-Gören aus Blankenese. Der bestohlene Gönner schenkt ihm ungefragt ein Monatsgehalt, denn er weiss noch wie das ist. Damals ist er selbst in zerschlissenem Cord zum Abschlussball gegangen und seine Tanzpartnerin war seine Physik-Lehrerin. Er schließt die Schublade, doch eine CD verhakt sich. Die hatte er doch früher immer im Auto gehört, oder? Der Einbrecher lächelt und der Reiche schenkt ihm nun diese CD mit den warmen Worten: „Hier damit du gut drauf kommst und wisch dir die Tränen weg! Alles wird gut und scheiß auf Blankenese!“
Der Einbrecher fährt anschließend mit dem alten Kombi nach hause und schiebt die CD in den Wechsler. Tripping The Light Fantastic. Im Gesicht des Familienvaters löst sich die Anspannung. Vertraute Klänge dengeln da aus den Boxen. Indie-Rock! Das waren noch Zeiten. Tripping The Light Fantastic aus Hamburg bedienen sich ungefragt an großen Popmomenten. Egal ob Pulp, The Fall oder die Libertines. Sie wurschten alles zu einer deftigen Brühe zusammen und haben Spaß dabei. Ähnlich wie bei Art Brut.
tripping the light fantastic band
Ihr Auftrag ist das Rocken der Tanzfläche. Der Spaßfaktor multipliziert sich zum Produkt. Schweiß trieft aus jeder Körperritze und setzt angenehme Duftmarken für den Paarungstanz. Die siebenköpfige Band wechselt ständig die Blickrichtung, so wie den Sänger. Jeder darf mal. Warum auch nicht? Unser armer Einbrecher vom Anfang grinst nun schon über beide Ohren. Hat doch alles geklappt.
„Box Office Hit“ versucht Tempo aufzunehmen, hat Primitives-Charme und zeigt die Stärke von Tripping The Light Fantastic. Die große Geste mit Bah-Bahs zu untermalen, und eine spritzige Gitarrenfigur mit jubilierendem Männerchor zu konterkarieren, ist bezaubernd. Doch dieses Chaos hat auch seinen Nachteil. Man kann die Band nie so richtig greifen oder gar ganz ins Herz schließen. Sie fliegen samt Gepäck an dir vorbei und man kann gar nicht so schnell gucken, da sind sie schon wieder weg und spielen College-Rock.
Die kurzen Songs triggern vieles nur an, haben aber ein nahes Verfallsdatum. Doch ist nicht Popmusik die Müllkippe abgelaufener Billigprodukte? Die Arrangements sind mitunter pfiffig und verstecken viele kleine Zitate . Die Stephan Remmler/Lou Reed-Anspielung in „Killer Bee“, beabsichtigt oder nicht, verzückt. Tripping The Light Fantastic schenken uns bunte Fensterfarben für den Frühling und geben uns den längst vergessenen Twang alter Indie-Helden zurück. Frisch und unbekümmert poltern sie durch die Jugendclubs oder Hochschulradio-Redaktionen. Irgendwie untypisch deutsch mit vielen sonnengereiften Tomaten.
Als der Familienvater morgens nach hause kommt hat seine Tochter schon Pancakes vorbereitet. Als Abi-Geschenk lässt Papa die EP von Tripping The Light Fantastic auf dem Küchentisch liegen. Seine Tochter wird es lieben. Neben Jarvis Cocker hat sie noch Platz in ihrem Herzen. Hamburg erwacht aus dem Winterschlaf und die Cowboys ziehen sich um für die Arbeit auf der Weide. Mit Popmusik geht so vieles leichter und sieben unerschrockene Schrammler halten den Stall sauber. Werde Fan!
Erschienen bei All Rock’N’Roll Speeds Up Records

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