Xiu Xiu – Dear God, I Hate Myself

Jamie Stewart taumelt wieder durch die Blutlachen. Die Synthies fiepen wild und seine Stimme wird dreifach übereinander geklatscht, damit sie noch majestätischer unter allem klebt. Die körperlichen Qualen zermürben dir den freien Tag. Jamie Stewart hat einen Apfel zwischen den Ohren, der reicht ihm fürs Denken vollkommen. Kernspaltung. Und Gott? Der kann schon lange nicht mehr helfen. Jede Beichte wird zur Selbstkasteiung, die Stewart aber lieber mit brennenden Zigaretten als mit dem Rosenkranz vollzieht.
Wenn man mal kurz den Blick und die Ohren von Jamie abwendet, klingt er wie der frühe Tom Waits. Nur das der Blues anders schreibt. Angela Seo ist nun mit an Bord und die muss sofort eine Mutprobe bestehen. „Könntest du im Video ein bisschen kotzen?“ „Ganz transgressiv, you know!“
Xiu Xiu sind immer noch nicht auf der Cocktail-Party angekommen und das ist auch gut so. Die Champagner-Trinker auf Kunst-Events halten diese Kombo immer noch für total bescheuert. Aber hip und das macht sie wieder interessant. Spinner an die Macht! Jamie kippt weiterhin Öl ins Feuer und tanzt wie ein Berserker über Glasscherben. Wunden werden nicht geschminkt, sie werden hautnah erlebt und auf Veteranen-Treffen zur Schau gestellt.
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Obwohl das neue Album auf den ersten Blick poppiger erscheint, knallt es nach mehrmaligem Hören doch gewaltig im Gebälk. Überall flirrt und surrt es, alle elektrischen Geräte sind angeschaltet und geben ihren Ton dazu. Jeder Singer-Songwriter wendet sich kopfschüttelnd seinem Genre zu. Leute, nicht so voreilig, so weit ist Jamie gar nicht weg und hoppla ihr Folk-Popper, Jamie gurgelt mit Traditions-Hustensaft! Verschanzt euch hinter euren Schubladen. Jamie kommt mit der Bazooka vorbei und zieht euch die Ohren lang. Musik ist Politik und hier spielt die Musik einen Tonbandkrieg mit gewetzten Wave-Messern.
Jamie fabuliert und heult sich wie immer voller Schmerz und Unzucht durch die Collagen. Schokolade macht ihn angeblich glücklich. Man möchte nur nicht wissen, wie er diese zu sich nimmt. Den normalen Weg wird sie nicht gehen. Mit weit aufgerissenen Augen unterdrückst du den Würgereflex. Doch am Ende landet eh alles wieder in der Schüssel.
Xiu Xiu bleiben die hektischste und schmierigste Band auf diesem Planeten. Der Proberaum ein Saustall. Die Bühne ihr Proberaum. Die Zuschauer nur Beiwerk und Stümper. Kunst liegt im Auge des Betrachters und das wird von Xiu Xiu mit Lehrertinte umrandet. „Guckt genau hin, ihr Banausen!“ Immer liegt der Geruch von abgestandenem Bier und Aschenbecher in der Luft. Schweiß ist sexy und schmeckt gut zu Ingwer-Tee.
Auch die ruhigen Stellen fliegen auseinander und Stewart sabbert seinen Schleim über die Beats. Der geneigte Waver sucht nach dem Netzhemd, doch Jamie Stewart hat für solche Spielereien keinen Humor. Bei ihm kommt nur das nackte Fleisch auf den Behandlungsstuhl. „Dear God, I Hate Myself“ bekommt für immer einen Ehrenplatz. Killer!
Erschienen bei Kill Rock Stars

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