Balmorhea – Constellations

Wie eine Zartbitter-Schokolade legt sich „Constellations“ um deine Hüfte. Die Kalorienanzahl lässt dich schlucken. Nicht schon wieder dieser JoJo-Effekt. Doch du hast noch drei Tafeln. Was weg muss, muss weg. Niemand kann dir helfen. Dein Diätberater gibt gerade dein Geld aus. Du öffnest das dunkle Papier und riechst an dem braunen Brocken als wäre es Heroin. Balmorhea aus Austin nutzen jede Möglichkeit zur Pause. Sie schleichen um dich rum, wie die Aasgeier. Ruhe gehört zu ihrem Geschäft, genau wie Klassik und die Avantgarde.
Rob Lowe verkörpert den altmodischen Mann. Er zupft das Banjo selbstvergessen und erzählt uns Geschichten ohne Worte. Jeder Ton ein Mameluckensäbelstich. Seine Mitstreiter begleiten ihn auf seiner Reise durch die Stille und Abstraktion. Keine Note ist zu viel, kein Rhythmus zu lang, eher selten gibt es eine Taktuntermalung. Düster und verträumt geht es zu. Doch keine süßen Tagträume. Es sind Verfolgungsjagden mit Bleifüßen. Das Klavier unterstützt dieses Zurückgenommene und Reduzierte, doch auch brutal Ehrliche mit weichen Perlen und der Säusel-Chor verliebt sich in Debussy. Der Notenständer wird zum Phallussymbol.
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Worte braucht Rob Lowe nicht. Bilder ziehen an deinem Augapfel vorbei und machen den Bisstest. Die Akustikgitarre lehnt im Hallraum und zupft sich die Trauer aus den Saiten. Da spielen viele Komponenten eine tragende Rolle. Perfekt eingeübt. Alles sitzt am richtigen Fleck und macht so das dunkle Dinner zur Angsttherapie. Natürlich denkt man an Indie-Größen wie Mogwai, doch ohne deren Laut/Leise-Dramatik. Verzerrt sind hier nur die Gesichter. Der Schmerz und die Linderung haben den gleichen Ausdruck.
Das Klavier wird angeschlagen und klimpert verloren durch die Stimmgabel. Wie eine Nudel flutscht es immer wieder durch. Dann halt noch mal! „Constellations“ ist wie ein großer Bahnhof. Immer auf der Suche nach der nächsten Fluchtmöglichkeit und bietet sie sich einem dann, ist man aber zu langsam, zu träge um die Beine in die Hand zu nehmen und den nächstbesten Zug zu erklimmen.
Balmorhea holen John Cage aus dem Käfig, zeigen ihm die große weite Welt, wissentlich, dass er auch wieder hinter Gitter muss. Der Kosmos wird zur Bretterbude und Lowe hat die verrosteten Nägel. Ganz intim wird dir gebeichtet, dass die Welt eine Höhle voll mit Schrott ist und du steigst mit der Grubenlampe hinab. Glück Auf!
Die zarten Pickings streifen den Alt-Folk und den Cowboyhut, doch Dichte und Tiefe verwehen diesen Eindruck beim erreichen der Rinde. Abhacken! Das lahme Schlagzeug mit Hall-Haube sprengt dir jede gute Laune.
Nun hast du nur noch eine Tafel Schokolade. Dein Mund ist schon ganz verschmiert und dein Bauch meldet sich zu Wort. Wenigstens einer, der Buchstaben findet. Aua! Slowcore für die Postrock-Generation, deren Abendlektüre der Bestellkatalog der Deutschen Grammophon ist. Beim Übergeben hörst du die Orgel! Wie ein Windzug haucht sie dir Lebensenergie zurück und dein nasses Haar trocknet umgehend. Die Violine und das Cello dröhnen mitunter, doch der Schönklang hat es den beiden angetan. Zum Schluss tauchen noch einmal Stimmen auf. Sie schweben wie ein Kirchengesang über die Sakristei.
Balmorhea zerstören jedes Kaffeekränzchen und überzeugen mit ihrer E-Musik auf lange Sicht. Du musst nur den Staubwedel zur Hand haben, um die gesamte Größe zu erfahren. Staubsauger wären zu modern.
Erscheint am 12.3. 2010 bei Western Vinyl

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