Klassiker: Plastikman – Consumed

Die experimentierfreudige Hektik elektronischen Entdeckertums rollte Mitte der 1990er Jahre nach allen Seiten in mehr oder weniger relevante Subgenres und Verfeinerungen aus. Insbesondere Breakbeat und Drum’n Bass hatten mit Recht für starke Gewichtsverlagerungen gesorgt. Acidhouse war stattdessen in Erstarrung auskristallisiert. Die Energien waren gewichen, die Hipness der Clubatmosphären diffundiert.

Doch ein junger Mann aus England, den es Jahre zuvor nach Ontario verschlagen hatte, schmiss weiterhin unbeirrt in hoher Schlagzahl mit neuen Konzepten, Kooperationen, Labels und Pseudonymen um sich, als gelte es die technoide Revolution von Staats wegen zu institutionalisieren. Doch 1997 hatte sich der eigene Kleinstaat in Person des eigenen Hauslabels Plus8 schon in Minus umbenannt. Was also tun?
Richie Hawtins drittes Album als Plastikman erscheint aus heutiger Sicht wie ein Monument des Neuüberdenkens von überaus erfolgreichen Positionen und Innovationen von House und Techno. Ebenso ist es eine radikale Verzichtserklärung an die damit verbundenen Errungenschaften Euphorie und Party. Hawtin hatte auf einmal Sparsamkeit, ja strengste Reduktion für sich entdeckt.


Auf „Consumed“ ist Konzept tatsächlich nicht nur ein weiterer Projektname eines der Masterminds unter den Produzenten elektronischer Musik der 1990er Jahre, sondern der hermetische Rahmen für das uneingeschränkte Beharren auf Reduktion. Wie hoch kann der Ballonfahrer Hawtin in einer sich stetig verdünnenden Atmosphäre steigen, wenn der letzte Sandsack des Arrangeurs über Bord geworfen ist? Die Luft wird dünner und das Denken, was passiert denn damit? Der Puls jedenfalls wird langsamer. Vielleicht braucht eine Drummachine nur einen Potentiometer für das alles entscheidende Filter, das Effektgerät nur einen großen Hallraum. So wurde Hawtins ureigene Entdeckung der Langsamkeit zur überzeugenden Selbstreflektion bisheriger experimenteller Positionen.
So reduziert die Motive, so gleichförmig und simplifiziert gerieten auch die Bässe auf “Consumed”, die dennoch einen träge schlendernden Groove behielten. Überhaupt, die Bässe, Eckpfeiler einer Statik, die nichts weiter zu tragen hatte als sich selbst und eine Andeutung von Drumpattern. Ein bis zwei langsam schreitende Tonmassen im Untergrund, die sich mühsam und zäh aus den amorphen Tiefen eines schier unermesslichen Hallraums schälen. Weiche Übergänge, lange Kurven, dunkle Hintergründe, die das Filtern der Klangfarben feiern. Und der menschliche Puls winkt ersterbend als herunter gekühlter Zentralbahnhof und Taktgeber einer zweiten elektronischen Revolution.
Sogar die Idee von Industrial Music wird leicht touchiert, in Form einer Metamorphose der Pulsidee und verwaschen schwankenden Maschinengeräuschen. „Consumed“ ist und bleibt die ambiente und technoide Laudatio auf all die versinkenden Industriebrachen der Welt zwischen Detroit und Magnitogorsk.
Consumed ist 1998 bei Novamute erschienen.

0 Gedanken zu „Klassiker: Plastikman – Consumed“

  1. und danach nahm minimal seinen (leider?) (fröhlichen?) (mediokren?) lauf…
    ps die consumed-schleifen habe ich seinerzeit sehr gerne mit den schneidenden präzisions-beats eines photeks gemixt, those were the days

  2. Ah mit Photek die Klingen gekreuzt, nicht schlecht … würde ich gern mal reinhören in so einen Mix! Aber ich nehme an, das waren Live-Mixe, die du nicht aufgezeichnet hast, oder?

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