Broadcast 2000 – Broadcast 2000

Wer das Schlafzimmer als Ort der Kreativität bezeichnet, ist ein Angeber! Auch Joe Steer spuckt große Töne. In London scheinen die Schlafzimmer voller Glockenspiele zu sein. Sie gehören wohl zum Inventar, das würde auch die horrenden Mietpreise erklären. Joe Steer igelt sich ein und verlässt das Haus nur, um ein paar Cracker zu besorgen. In Jogginghose sitzt er auf seinem Bett und komponiert. Indie-Folk-Pop soll es werden. „Mal sehen“, denkt sich Joe und streichelt die Ukulele. Sein Tenor bringt ihn immer wieder auf die richtige Spur.
Bei einem zweiten Frühstück werden die Streicherarrangements im Kopf vorgedacht und auf ein Blatt gekritzelt. Das Londoner Party-Leben interessiert Joe nicht. Eine Tüte Salt-And-Vinegar-Chips reicht vollkommen aus, um in Stimmung zu kommen. Jeder großen Geste wird der Bademantel übergestülpt. Ist ein Song zu poppig wird dieser über kurz oder lang an die Werbung verscherbelt oder an die Fernseh-Heinis verkauft, die eh schon mit den Hufen scharren, wenn sie hören, dass Joe seit zwei Wochen im Schlafzimmer verschwunden ist.
Broadcast2000 innen

So lässt es sich wunderbar leben. Man muss halt alles selber machen. An Schulen wird jetzt im Musikunterricht das Thema „Alleingang“ durchgenommen. Joe Steer wird immer als Referenz genannt, obwohl die Kids diesen Namen wohl schon nach fünf Sekunden vergessen haben werden. Aber so ist das, er müsste schon einen Weltkrieg anzetteln, um auf irgendwelchen Schulranzen zu landen. Sogar bis zur Tafel schafft er es nicht.
Das ist das Problem. Broadcast 2000 fliegt zu schnell. Er schaut nur kurz vorbei, lächelt müde und verschenkt so seine Haltbarkeit. Paparazzi warten schon länger nicht mehr vor Joes Haus. „Er kommt ja eh nicht raus.“, sagt Peter Kelly und geht lieber zu Jude Law rüber, um sich anspucken zu lassen. Das süße Geklimper und das große Gefühl gehen bei so einer Haltung leider manchmal verloren. Man muss auch mal seine Visage am Fenster zeigen oder sein Baby über den Balkon hängen.
Joe Steer bleibt sich treu und fuchtelt mit dem Dirigentenstab nur vor seinem Spiegel rum. Tom Hobden von Noah And The Whale schaut auf ein Glas Mezzomix vorbei und wienert die Geige. Ob die beiden miteinander geredet haben ist fraglich. Und dann man staune, verlässt er die Wohnung. Knaller! Natürlich sind alle Papparazi schon bei Heather Mills. Sie hätten ihn abschießen können. Joe geht zu Eliot James, der hat schon Bloc Party zu neuen Ufern geschippert. Joe will jetzt doch den großen Wurf. Folk-Pop mit orchestraler Untermalung muss her. Kein Problem für Eliot.
Ist ihm auf dem Klo eingefallen. Sein Klopapierverbrauch ist in den letzten Tagen wahnsinnig angestiegen. Die Noten übertrumpfen die Blümchen. So wird Broadcast 2000 doch noch das Breitwandformat, für das wir Popper sterben würden. Joe ist gut drauf und wir sind es auch und brechen in seiner Londoner Wohnung ein. Nur so ein bisschen „schnöven“! Schöne Butze, schöne Platte! Und wenn er zurück kommt, darf er auch mal zwei Wochen lang die Füße hoch legen. Gebongt!
Erschienen bei Grönland

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