Retribution Gospel Choir – 2

Ich muss vom Slowcore loskommen.“ Das waren wohl Alan Sparhawks Worte, als er ein Päusschen bei den Proben seiner Hauptband „Low“ einlegte. „Diese kraftvolle Ruhe zermürbt mich!“ Ein Ausgleich musste her. Nennen wir das Ganze „Retribution Gospel Choir“.
Knochentrocken kommt „2“ daher, obwohl dir die rotzigen Gitarren in die Visage grinsen. Dick aufgetragen sitzen sie wie ein zweites Gesicht. Nur die fusseligen Barthaare jucken wie blöd. Delay ist hier kein Nachname, sondern Effekthascherei. Die Drums machen die ganze Angelegenheit so furzig stumpf. Sie kloppen dir die Eingeweide raus! Retribution Gospel Choir machen Stadion-Rock ohne Sitzplätze. Du stehst dir die Beine in den Bauch.
Gitarrenwände ziehen ohne Tapeten durch dein Kleingarten-Paradies. Du leckst mit deiner belegten Zunge über die Raufaser. Papa hört Ozzy immer noch am liebsten! Beweise ihm, dass Sub Pop noch nicht tot und Ozzy nur ein MTV-Hirni ist. Nach dem selbstbetitelten Debüt rockt das neue Werk wie Arsch. Auch Low-Bassist Steve Garrington findet Gefallen am Stoner Rock.
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Die Gitarren wüsten durch die Eisschollen, brechen sie mit ungebändigter Kraft auf. Alles zersplittert, nur der Hang zu Hardrock-Hymnen nimmt der Eiseskälte die Schneewehen aus dem Visier. Die 80er Jahre fliegen mit wehendem Haar vorbei und grüßen Retribution Gospel Choir mit dem Faserpelz-Stirnband. Zwischenzeitlich denkt man an Urge Overkill, um kurz nach Beendigung des Gedankens schnell den Kopf zu schütteln. Zu viel Improvisation!
Die Amps werden aufgedreht und jaulen vor Begeisterung. Du stehst zu nah am Verstärker! „White Wolf“ hat diese Danzig-Bassdrum, die dich schon immer spitz gemacht hat. Du schreist „Yeah“-Rufe in die Nacht. Das Elephant-Bier spritzt so schön beim Öffnen. Die Acht Minuten-Nummer „Electric Guitar“ zieht dir versponnen die Asi-Treter aus. Das Tempo ist gedrosselt und der Drummer wartet auf den Wumms. Ein Wirbel zeigt dir den Weg ins Uferlose. Überhaupt wird das Tempo immer gemächlicher und es wird langsam Zeit für wiegenden Tantra-Sex. Der Beat ist dein Herzschlag und dein Kopf wird zum Genital. Mit Kopfhörer brummt alles so schön und es kribbelt in der Magengegend.
Die psychedelischen Ansätze geben dir den Rest. Es riecht nach Nebelmaschine. Sparhawks Worte sausen durch deine Weichteile. Leiden kann er immer noch und das nicht zu knapp. Sogar Transistor-Radios explodieren vor deinem inneren Auge. Ein Fellini läuft im Hintergrund. Soundexperimente und Feedbacks zertreten dir den Vorgarten. „Lass sie nicht ins Haus! Die Tappen!“ „Was?“ Ja, die spielen ihre Gitarre da oben. Ganz oben. Ohne Plektrum, du weißt schon.“ „Ach, du meinst Gniedeln?“ „Wie auch immer!“ Welches Jahr haben wir heute? Ist das Crazy Horse schon auf dem Flur?
„2“ macht Lust auf „3“. Bin gespannt.
Erschienen bei Sub Pop

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