Local Natives – Gorilla Manor

Jede Playlist braucht Verweise. Manchmal reichen die eigenen Kompositionen nicht aus, um Kritiker von sich zu überzeugen. Doch sind es die Kritiker, die man überzeugen muss? Die kaufen keine Platten oder CD’s! Man muss das Fußvolk rankriegen und mit Gefühl, Spiegelung und Zauber arbeiten. Ob es da hilfreich ist, alte Kamellen zu covern?
Die Tanz-Kids wollen Hymnen für den Club oder tränenreiche Midtempo-Heuler für die Heimanlage. Ob dann da Talking Heads in dem Booklet steht oder nicht ist nicht weiter von Belang. Die Local Natives schwimmen auf der Woge des aktuellen Indiezeitalters. Innovation war gestern. Weirdness und Weitblick zahlen keine Miete, doch könnten andere Leben retten. Der Folk-Pop steckt in der Krise. Ein gutes Pils braucht sieben Minuten. Nur auf Teenie-Parties werden Reste aus Flaschen zusammengekippt, um schnell nachschenken zu können.
Die Local Natives schöpfen die ersten Schichten des Schaums ab, der so langsam zu einer ekelerregenden Brühe geworden ist und filtern diese mit modernster Technik. Die Instrumente sind da traditionell. Jeder Musikmanager würde Gitarren, einen Bass, ein Schlagzeug, Tasten und später zur Veredelung Streicher auf den Einkaufszettel schreiben. So haben das Quintett aus Silverlake auch keine Kosten und Mühen gescheut und ihren Proberaum amtlich ausgestattet.
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Teure Gesangsmikros geben dem Ganzen noch einen Tick Coldplay. Doch die Local Natives wollen sich von so großspurigen Poppern natürlich nicht beeinflusst fühlen. Sie schauen lieber bei den Fleet Foxes auf einen Batik-Kurs vorbei oder saugen an der Horchata des Lebens der Milchbubis Vampire Weekend. Der Sommer ist die Jahreszeit ihres Vertrauens und der Afro-Beat der Rhythmus, wo man mit muss.
Chorarrangements sind das A und O der aktuellen Produktionen. Eine Stimme wäre eine verlorene Stimme, die sei den Singer-Songwritern geschenkt. Als Band muss man heute hymnenmäßig gefühlig trällern. Am besten alle Bandmitglieder zusammen. Hast du die Mandoline eingepackt? So entsteht eine Jugendherbergsstimmung und große Jungs spielen wieder Indianer. Musik tritt für kurze Zeit in den Hintergrund. Die Natur spielt mal wieder die erste Geige. Ein Baumhaus kann Zufluchtsort werden. Die Kirche war eh zu dunkel.
An den Songrändern der Local Natives klebt eine dicke Schicht „Arcade Fire“, die es auch nicht leichter macht. Hast du einmal kurz den Rand mit den Fingerspitzen berührt, musst du sie amputieren. Pech! Der Herbergsvater holt die Zange aus dem Werkzeugschrank.
Los Angeles bietet also nun einen anderen, neuen Glitzer. Nicht die Filmwelt beherrscht dein Leben, sondern der Indie-Zirkus rund um die Local Natives. Das Klavier gibt dir einen neuen Soundtrack, doch du fandest den alten gar nicht so übel. Du willst nicht mehr! So viele Bands schleichen um deine Geldbörse und alle wollen deine letzten Kröten. Ihre Argumente sind dreistimmige Heulattacken. Betteln auf höhstem Niveau.
„Komm die Arcade Fire hast du doch auch gekauft und die Fleet Foxes, wie du bestimmt gelesen hast, haben mal ein Album des Jahres gemacht.“ „Genauso sind wir!“ Ich hoffe, dass deine Moneten schön im Leder bleiben, obwohl „Airplanes“ ganz süß ist, doch die Buhrufe am Anfang des Songs sind nicht ganz unberechtigt. Und reicht ein guter Song? Diese Frage kann nur dein Kontostand beantworten. Deine Liebe zur Musik wird dir nicht im Wege stehen. Die Local Natives sind auf der Durchreise und ich halte ihnen die Tür auf. Meine Fingerspitzen gehören mir.
Erschienen bei Infectious/Pias

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