Yamon Yamon – This Wilderlessness

Die alte Post-Rock-Mühle ist wieder in Betrieb. Doch Tretmühlen sind eine schweißtreibende Angelegenheit. Yamon Yamon haben dickes Aufgabenmaterial angeschleppt. Jetzt muss alles fein zerkleinert werden. Das Endprodukt soll so feinkörnig sein, dass es dir durch die Finger rinnt. Schwer bei so viel Ideen-Overdose. Irgendetwas wird stückig bleiben und muss wohl noch einmal von Hand nachbearbeitet werden. Gitarrenfiguren pressen sich durch Walzenstühle, aktive, ja fast wibbelige Rhythmik dient als Windersatz. Am Ende findet jedes blinde Huhn ein Korn, denn zu Staub zerfällt hier nichts.
Alles ist noch grob als ungeschliffenes Etwas zu erkennen. Brocken und Klumpen werden noch einmal gewässert, aber eigentlich müsste die ganze Prozedur wiederholt werden, doch so viel Zeit bleibt nicht. Mühlenzeit ist Studiozeit, und die ist bekanntlich teuer. Yamon Yamon kommen aus Schweden, doch ihr Blick schweift gen Chicago, dort wo Tortoise und The Sea And Cake alte Mühlen seit Jahren restaurieren. Sich da mal für ein, zwei Nächte einzukaufen wäre Yamon Yamon’s Traum. John McEntire’s Tätowierungen zu studieren und Archer Prewitt oder Sam Prekop beim Kaffeeaufwärmen über die Schulter zu spinxen. Wer will das nicht?
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Die Songs auf „This Wilderlessness“ schweben durch die Zahnräder, sie besitzen genug Masse und Körper, um die Körnung noch überschaubar zu halten. Was war noch mal die Aufgabenstellung? So fein, wie möglich? Oder doch mit Biss? Jon Lennblad ist schon ein cleverer Handwerker. Auch seine Mitstreiter bedienen ihr Werkzeug sehr professionell, doch das reicht heutzutage ja nicht mehr. Sogar der geneigte Post-Rocker sucht nach Gold! Mit goldähnlichen Klumpen lässt er sich nicht mehr abspeisen.
Dies ist auch das Problem. Yamon Yamon vergessen ihre Songs. Sie spielen sie amtlich runter, nutzen jeden Winkel, um noch eine Figur um die Ecke zu bringen, doch der rote Faden und ein Chorus sind nicht zu sehen. Die gehauchte Stimme ist nah an Prekop oder Erlend Øye, doch ohne deren Gefühl, Dringlichkeit oder Wahnsinn zu transportieren.
Die Gitarren sind zauberhaft warm und zirkulieren in der Luft und begrüßen den Müller mit einem freundlichen Hallo. Doch so ein Müller braucht mehr als ein Lächeln. Schweiß und Dreck unter den Nägeln sind sein Metier. Schuften bis zum Umfallen steht auf seinem Feinripp-Unterhemd. Schönklang ist für ihn ein Ort in der Karibik. Yamon Yamon sind ein wenig zu bieder. Ihre Schutzkleidung sitzt immer akkurat. Nichts verrutscht mal, so dass man den haarigen Rücken oder Stempelabdrücke der letzten durchzechten Nacht erhaschen könnte. So bleibt der Müller bei seinen Leisten und beachtet die jungen Schweden kaum.
Sie stören nicht! Ja, das ist es. Yamon Yamon sind zu harmlos. Das „Bitte nicht stören!“-Schild ist allgegenwärtig. Post-Rock braucht ein neues Gesicht. Sich nur auf alte Wegbereiter und Kultfiguren zu beziehen, reicht da nicht. Trotzdem ist „This Wilderlessness“ ein schönes Brot geworden, zwar ohne Kruste und Salz, aber mit ein wenig Phantasie schmeckt es nach Kings Of Convenience-Mehl und alten, stinkigen Jim O’Rourke-Socken. Langeweile auf hohem Niveau. Belegen musst du dir diese Stulle noch selbst. Und die Mühle klappert am rauschenden Bach…
Erschienen bei Tendervision

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