Pantha Du Prince – Black Noise

Große Teile zerfallen in kleinere. Kerne zerfallen in Isotope. Von großen Sätzen bleiben später oft nur scharfkantige Worthülsen. Der Wind entreißt den Porenkapseln des Mohns seinen Sameninhalt und verteilt diesen wie aus einem Salzstreuer gegossen über seiner Umgebung. Wenn die Tage der Aristokratie gezählt sind, zerfallen einst tief empfundene große Gefühle in restaurative Sentimentalität und kleinmütige Missgunst.
Hendrik Weber kommt nun mit seinem dritten Pantha-Du-Prince-Album zurück und er macht das, was er bekanntermaßen gut kann. Abdriftende Versponnenheit und introvertierte Zärtlichkeit mit den krispen Midtempo-Beats der Clubwelt zu vereinen. Und doch ist diesmal vieles anders.
Die Parade matt schimmernder Harmonien, die großen flächigen verschachtelten Akkkordrückungen, die den Charakter von „The Bliss“ eindrucksvoll prägten und ein überzeugendes Plädoyer für schaurig schön verbrämten Pathos und Neoromantizismus hielten, man sucht sie auf „Black Noise“ vergeblich. Keine großen Geschichten mehr. Das Ergebnis funktioniert zwar immer noch recht gut, jedoch die große Geste, die Gesichte, die sind raus und die Geister der Vergangenheit, die er einst rief und ritt haben sich in den Spiritus aufgelöst, der sie konservieren sollte. Webers Ausdruck ist statischer geworden. Kaum noch Bewegung. Kein Lächeln, keine Träne. Einzig bei „Im Bann“ taucht so etwas wie Spannung auf, wenn knisternde Geräusche von Schritten zu zirkulierenden Patterns gemischt werden.
In den Vordergrund tritt nun alles, was vom Tage übrig blieb. Und das sind durchgängig percussive tonale Instrumente jeglicher Couleur. Von Marimba über Steel Drum bis Vibraphon plockert sich Pantha Du Prince durch eine in Eis erstarrte Welt schermütiger Stakkatos. Nicht nur die Bevölkerungsdichte Harmonie tragender Instrumente geht steil gegen Null, nein überhaupt hebelt der Permafrost weitgehend alle Bewegungen der geblendeten Klangstatik auf. Pantha Du Prince ist einsam geworden. Und das ist es, was er wollte. Dafür spricht die Akkuratesse, mit der er nach wie vor zu Werke geht. Dafür spricht auch die darin enthaltenen Idee, sich die Stabilität von Minimal Music anzueignen, was Gregory Taylor allerdings vor zwei Jahren mit ähnlichem Impetus schon besser umgesetzt hat. Es hilft nichts, im Hintergrund droht schon leise die Selbstauflösungsfalle.
Vielleicht deshalb werden zwei Ausbruchsversuche mit Vocalstücken gewagt: mit „Stick To My Side“ blitzt beiläufig und vorsichtig in einer effektbeladenen Hookline die Erinnerung an seine Remix-Arbeit für Depeche Mode auf. Da geht „Behind The Stars“ schon weniger zurückhaltend zu Werke und stellt einen dramatische gefilterten Knartz-Bass einem spannungsreich debilen Sprechgesang, der etwas an “Bloom” von Christian Naujoks erinnert, gegenüber.
Ansonsten bleibt „Black Noise“ in sich verschlossen. Es dröhnt, es säuselt, es pustet außer Puste mit letztem Atem. Alles wird getragen von der verhuschten Ambivalenz eines zentralasiatischen Windspiels. War da nicht etwas? Ach nein, ich dachte ja nur. Der Wind hat diesmal jedoch kein Lied erzählt. Er spricht nur immer und immer wieder von sich selbst.
Black Noise ist bei Rough Trade erschienen. Hörbeispiele.

0 Gedanken zu „Pantha Du Prince – Black Noise“

  1. die platte atmet eine strenge, konzeptuelle Geste und das tut so gut. da ist der panther, nur so für sich (und natürlich der wald). so viel mut zur musse, eigenbrödlertum, motiv-arbeit und verweigerung der prätentiösen pop-geste verdient meine hochachtung.
    ps die (print-)mediale berichterstattung dieser platte(spex, groove…) nervt kolossal

  2. Nach der Analyse der Analyse….
    Man kann sicherlich viel in diese Platte hineininterpretieren, aber letztendlich habe ich nach intensivem Hören wirklich nur ein Wort übrig:
    langweilig

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