Midlake – The Courage Of Others

Sich vom Pop zu distanzieren, scheint ein respektabler Weg zu sein. Midlake wollen gar nicht in der Plastikwelt auf Genre-Parties spielen. Die Grammys sind für die Jungs wohl eher Werkzeug, um Geröllmassen zu zerkleinern. Das Scheinwerferlicht ist halt kein Tageslicht und nur nachts sind alle Eulen grau. Lieber bleiben sie eine Fata Morgana und flimmern am Ende des Horizontes.
Die Texaner sind eher Fans des Schwarzen Lochs. Was sie vielleicht selbst noch gar nicht zu wissen scheinen, sie sind das Schwarze Loch! Midlakes Songs besitzen Sogwirkung. Ihre Mischung aus Folk und Psychedelic zieht den Hörer schnell in seinen Bann. Die vorgegaukelte Weichheit trifft dich hart am Schienbein. Blaue Flecken sind nicht auszuschließen. Sie reissen dich in die Tiefe.
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Die Gitarren kreisen wie Aasgeier um liegengebliebene Fairport Convention-Memorabilia. Sie hacken auch schon mal ein Auge aus und versuchen der folkigen Märchenmystik ihr Gewaltpotenzial zurückzugeben. Der böse Wolf hat nichts mehr von der glubschäugigen Walt Disney-Phantasie. Das das Mittelalter mit Querflöten auch auf dem Speiseplan der Geier steht, lässt einen manchmal kurz aufstossen, doch stören tut dies auch nicht wirklich. Man muss halt fressen, was auf den Teller kommt.
Bei Midlake sind die Speisen nicht mal eingefärbt. Das Fleisch hat seine graue Farbe behalten. Jeder Metzgertrick bleibt unangewandt. Jede Fake-Lampe wird ausgeknippst. “250 Gramm von dem grauen Klumpen da!“
Midlake schleichen in ihren Kutten durch den Märchenwald. Jedem süßen siebten Zwerg wird die Mütze vom Kopf gerissen. Ein Trauerchor besingt das Ende. Etwas Wehmut schwingt mit. Trost spendet nur die magische Stimme von Tim Smith. Obwohl er dem Pessimismus auch nicht von der Schippe springen kann. Resignation ist angesagt.
Das Schwarze Loch saugt jeden an. Auch Fusseln und Kleingeld. Beim Schlucken gibt es Schmatzgeräusche. Die Texaner sind mit ihren Klampfen, Flöten und ihrer Humorlosigkeit in Europa angekommen. Der Großraumfolk der amerikanischen Vorreiter scheint Midlake nur noch am Rande zu berühren. Die Incredible String Band scheint es den Schwarzsehern angetan zu haben. Hooklines werden ausgedünnt und Songs plätschern eher kummertrunken durch das graue Britannien. Verzerrte Gitarren erlösen dich und die Querflöte tiriliert in höhsten Tönen.
Wie Wandermusiker erscheinen einem Midlake nicht. Auch nicht wie Prediger. Für sie gibt es nichts zu predigen oder verkünden. Alles bleibt beim Alten und guck, wo du bleibst! Die Herbstfarben kündigen den Winter an, dass der so bitterkalt werden wird haben noch nicht mal die Frösche geahnt.
So ziehen sich Midlake in ihr Loch zurück und komponieren weiter Hypnose-Songs. Im Schwarzen Loch ist noch Platz für etliche Opfer. Also aufpassen, wenn irgendwo eine Querflöte piepst, schnell einen großen Bogen machen, sonst haben dich Midlake in ihren Fängen! Die Rattenfänger aus Texas ziehen auch durch deine Stadt und Nick Drake kann dir nicht mehr helfen…
Erschienen bei Bella Union/Cooperative/Universal

0 Gedanken zu „Midlake – The Courage Of Others“

  1. Wer die Augen auf macht, der kann auch zwischen den Zeilen lesen, dass Midlake eine gute Platte gemacht haben. Wer auf Folk steht kann also ohne Angst zugreifen. Das Schwarze Loch muss nicht immer nur das Böse verkörpern. Ob Midlake am Ende des Jahres noch auf irgendwelchen Zetteln stehen, ist dann ‘ne andere Sache.

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