Tocotronic – Schall und Wahn / Zloty Vazquez vs. Daniel Decker

CONTRA
Eure Liebe tötet mich! Der Aufhänger könnte nicht passender sein. Die hochgeschriebenen Pennäler zieren wieder die Litfaßsäulen deiner Großstadt. Neue Schlösser werden für den Pöbel geöffnet und Dirk von Lowtzow spielt Rapunzel mit ergrautem Haar. Ein langer alter Zopf biedert sich uns an. Von Liebe kann da keine Rede sein. Die Schere muss her oder ein Lockenstab, um der alten Fusselfrisur neues Leben einzuhauchen. Manchmal ist halt eine Typveränderung vonnöten. Der Studentenhumor trifft aber nach wie vor auf den nervigen Philosophenstammtisch der vergifteten Punkidiotie.
Die Folter endet nie, auch nicht die der angeblichen Opfer. Nur die Unschuldigen halten sich aus der Diskussion raus. Ich bekenne mich schuldig: “Braucht die Welt ein neues Tocotronic-Album?“ Tocotronic melden sich nach selbstauferlegter Kapitulation zurück. Nicht nur die Blumen schauen sie ehrfürchtig an. Sie glotzen sogar. Ein Aufruf zu Zivilcourage. Ich schließe kurz meine Augen, doch meine Ohren folgen nicht der Arbeitsverweigerung. Um mitreden zu können, muss man wenigstens „Schall und Wahn“ gehört haben. Nur zu warten bis der CD-Player ausspringt, zählt da nicht.
Auch ganz Pop-Deutschland wartet auf neue Slogans und die Musikfachjournaille braucht deutsche Coverstars so dringend, dass mal wieder Hamburg als Standort auserkoren wurde, obwohl der Kenner von der Berlin-Trilogie spricht. Die so heißgeliebten Popschulen werfen also auch kein neues Futter ab. Sogar Selig durften nochmal “übelrocken”. Distelmeyer, der Oberlehrer der Hamburger Schule enttäuschte im letzten Jahr. Jetzt müssen also die „Tocos“ ihr Abitur vorlegen. Waren die Vornoten gerechtfertigt? Die Fanclubs erwarten Bestnoten. Sie werden auf ewig Teil der Jugendbewegung sein, die Tocotronic immer ablehnte. Die Mitfühlenden finanzieren das Leben einer Band, die sich selbst zu ernst nimmt. Sprachrohr wollten sie sein. Doch vieles verebbte in übellaunigem Schülerband-Rock. Der Kunstkontext rief und das Goetheinstitut hatte zu viele Kulturgelder über. So kamen die Jungs wenigstens aus ihren Trainingsjacken raus.
tocotronic_1
Die T-Shirt-Industrie ist ebenso erfreut. Endlich gibt es wieder griffige Songtitel, die am Besten ohne Musik funktionieren. Aber das haben sie ja immer schon. Schmeißt die Flockmaschinen an! Eine Lanze für den Widerstand, doch reicht der Mantel der Koketterie? Tocotronic waren einmal die frechen Schrammeljungs, die ein Verweigerungskonzept auf ihre Slackerjacken nähten, das dem Musikzirkus ein frisches Antlitz verlieh. Doch nun schwimmen sie schon seit etlichen Jahren im eigenen Saft. Nach Ausflügen in die Dramatik und Dunkelheit der Vernunft, versucht „Schall und Wahn“ knackiger und klarer zu klingen. Die Gitarren werden wieder in den Vordergrund gespült. Übereinander gespachtelt und mit Soli gespickt, sind die Stücke musikalischer, doch nicht besser komponiert. Das Arrangement macht hier die Kür.
Die Songs klingen erwachsener, was nicht positiv gemeint ist. Tocotronic wollen uns bekehren, belehren oder verunsichern. Das wechselt ständig. Habe ich etwas falsch gemacht? Dirk von Lowtzow versucht Dichtung in simple Rock-Pop-Songs zu pressen. Seine Leierkastenstimme und großen Worte zerstören jeden seltenen Moment der Klarheit und Durchschlagskraft. So viele Bilder klauben dir die Spucke. Dirk von Lowtzow singt sich um Kopf und Kragen, oft klingt es so, als hätte er den Kopfhörer im Studio nicht auf den Ohren gehabt. Die Texte passen nicht zur Musik, haben ein rezitierenden Habitus, der die Musik in Seitenstraßen schubst und dort in Dunkelheit vor sich her eiern lässt.
Ein Sänger nabelt sich ab. Eine Band sitzt ihm im Rücken, die nicht auf ihn achtet und erst recht nicht ehrt. Tocotronic stehen kurz vor der Auflösung. Die Band wird bald Gitarren-Instrumentalmusik machen, auf Vernissagen in der hintersten Ecke vor sich hin rumpeln und von Lowtzow wird Dichter und zieht rotweintrinkend durch die Lesehäuser. Keine Meisterwerke mehr und Tocotronic halten da wenigstens Wort. Die Songs klingen zu ähnlich, heben sich gegenseitig auf und von Lowtzows neuer Hang zu Musical-Theatralik verursacht Gänsehaut und Würgereiz. Die aufgeblasenen Gitarrenparts beschwören eine Sonic-Youthsche Wand, ohne jemals deren Dichte, Komplexität und avantgardistische Post Punk-Malerei zu erreichen.
Der Klopper „Stürmt das Schloss“ lässt mich kurz lächeln. Die Kritik an Castingshows lockt keinen mehr zu einer Demo. Der Gesang des Tyrannen versiegt lautlos im Tränenmeer. Nichts brennt mehr. Alles ist schon längst gelöscht. Natürlich stilecht mit Weißwein-Schorlen.
Tocotronic haben ein Album aufgenommen, das viel mehr sein will, als ein austauschbares Myspace-Gedudel. Doch um Deutschlands Musiklandschaft aufzubrechen, müssen andere Mittel benutzt werden. „Schall und Wahn“ ist groß angelegte Langeweile, da können auch Streicher nichts mehr retten. Sorry, eure Liebe tötet mich und ihr werdet natürlich behaupten, dass die Idee gut war, doch die Welt noch nicht bereit sei. Vielleicht. Nein! Ich schalte meinen Standby-Knopf aus. Quo vadis Deutschland?
Zloty Vazquez
PRO
Jaja, Hamburger Schule, Pennäler, Studenten und Abitur. Wundert mich, dass der geschätzte Herr Vazquez nicht noch was von Schule schwänzen in seinen Text zauberte. Fakt ist, Tocotronic haben ein neues Album und es ist die beste Platte seit ihrem weißen Album, wenn nicht sogar seit KOOK.
Auch ich kann Floskeln nicht umgehen. “Schall & Wahn” ist die konsequente Weiterführung der letzten beiden Alben. Klar, es werden Slogans aufgegriffen und umgewandelt. Das ist nicht neu. Das gab es mit z.B. “Keine Angst für Niemand” auf “Pure Vernunft…” schon. Und wie auf den letzten beiden Platten wird das Gegensätzliche zum Ideal stilisiert. Vernunft, brauchen wir nicht. Wir müssen kapitulieren und (NEU) wir müssen zweifeln und DIY ist nun auch plötzlich doof.
Da macht es sich Herr von Lowtzow einfach. Nimm ein Ideal, kehr es ins Gegenteil und sei überzeugt davon. Ist das ein poetischer Mindfuck? Ist es ein Fnord? Man kann sich nahezu sicher sein, dass von Lowtzow mit der Illuminatus-Trilogie vertraut ist. Überhaupt das Rezititieren. Schon der Titel ist von Faulkner.
Gut, das alles mag einen nerven und mag man auch für unoriginell halten. Ich tue dies allerdings nicht. Allerdings machen weder die Umkehrung noch das Rezitieren “Schall und Wahn” zu einem großartigen Album. Lowtzow ist endlich da angekommen, wo er schon seit dem weißen Album hin wollte. Damals erzählte er, dass er es mag, wenn der sprachliche Aspekt über dem Inhalt stünde. Wenn Sprache deliriert. So, wie es bei HP Lovecraft der Fall wäre, den er damals bei “Das Böse Buch” als Inspiration heranzog. (vgl. hier)
Nun ist er also selbst da. Lowtzows Worte malen Bilder und Landschaften, seine Art zu singen, die tatsächlich die Theatralik eines Musicals inne hält, verursacht dabei Gänsehaut ohne Würgereiz. Im Gegensatz zum unerträglichen Sound von “Kapitulation” hat Moses Schneider diesmal alles richtig gemacht. Die Mikros wurden wieder näher ans Gesicht gerückt, die Direktheit verkündet Dringlichkeit.
Und es sind wieder die Schlüsselwörter, die die eigentliche Nicht-Aussage verkünden. Schloss, Tyrannen, Gift, Wahn und Zweifel. Es ist eine Traumwelt, die von der Realität bedroht wird. Vielleicht ist so der Ansatz zu suchen, wer in dieser Welt die Realität sucht wird enttäuscht werden und verzweifeln. Aber vielleicht ist dies auch wiederum die Absicht. Durch den Schall den vermeintlichen Wahn zu projezieren.
Und nein, auch sind die Songs nicht zu ähnlich. Ja, es liegt diese sphärische Ruhe über vielen Stücken. Doch wenn nach unten wie oben ausgebrochen wird, bekommen diese Ausbrecher mehr Schwere und Bedeutung. Songs wie “Bitte oszillieren sie”, “Stürmt das Schloss” oder die Single “Macht es nicht selbst” werden zu Hits, während das durch Streicher und Akustikgitarre getragene “Im Zweifel für den Zweifel” zur Hymne avanciert.
Dazu die Noise-Gitarren, die wohl vielmehr auf Yo La Tengo zurückgreifen als auf Sonic Youth. Wo letztere diese mehr als brachial juvenil aggressives Element aufgriffen haben, erstere es stets geschafft neben der Aggression auch liebreizende Flächen zu zaubern, die gar nicht als Störer wahrgenommen werden (wollen).
Klar, Tocotronic werden wieder spalten. Sie machen es einem auch verdammt leicht sie zu hassen. Aber wenn unsere Liebe sie tötet, dann ist das wohl das Ziel. Lowtzow folgt der Principia Discordia und stiftet Zwietracht und Verwirrung. Recht so!

Daniel Decker

Erschienen bei Universal

0 Gedanken zu „Tocotronic – Schall und Wahn / Zloty Vazquez vs. Daniel Decker“

  1. Dr. Love, kann es sein, dass Sie eine Abneigung gegen jegliche Musik aus Hamburg haben? Dr. Dreh liegt natürlich richtiger.
    Diese Pro- und Con-Geschichte könnt ihr häufiger mal machen; zuviel Konsens schadet nur.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.