Spoon – Transference

Die ersten grauen Haare zieren deinen Drei-Tage-Bart. Dein Titanic-Abo hast du abbestellt. Die Spaßgesellschaft ist dir zuwider. Es hat sich so viel verändert. Du willst nun mit den Erwachsenen spielen. Jeden Anflug von Slogan-Drescherei bügelst du schnell aus. Die kleinen Clubs sind nicht mehr dein Zuhause. Du lungerst stattdessen in 3 bis 4 Sterne Hotel-Lounges rum und bestellst überteuerte Cocktails. Und das mit den Schirmchen soll sich der Barkeeper abgewöhnen, sonst setzt es was. Deine früher so geliebte HiFi-Anlage steht im Keller.
Du hörst nur noch iPod und hast dir gestern erst High-End-Kopfhörer besorgt. Was gibt der Musikzirkus für dich her?
Diese ganzen Kinderkarneval-Bands nerven dich. Auch die Wiederbelebungen der alten Mammuts, wie The Police interessieren dich nur am Rande. Jazz ist dir zu verkopft. An Klassik willst du dich erst in ein paar Jahren rantrauen. Da kommen dir Spoon auf dem Büroflur entgegen. Schon der Kraut-Rock-Name lässt dich ausflippen. Endlich was für deine Generation!
Spoon aus Austin vertreiben Mittelebenskrisen. Rock mit angezogener Handbremse und Zitatenschwelgerei auf hohem Indie-Niveau. Nun ist im Großraumbüro kein Halten mehr. Du lockerst die Krawatte. Endlich hast du mal eine Band entdeckt, die nicht jede gute Idee zumatscht, sondern clever weitere Kreise zieht und Rocksongs spartanisch in den Krieg führt. Und die keiner kennt.
spoon
Kurz angedeutete Hooks werden mit spleeniger Soundästhetik in den Rotary-Club gespült. “Transference” ist ohne düsentriebsche Verzwickungen produziert. Spoon-Frontmann Britt Daniel gibt den verzweifelten Slacker und wird das Leben mal arg grausam, kann dich ein Klavier wieder glücklich stimmen. Ein Pump-Bass rettet dir den Tag. Katastrophen werden weiträumig umschifft. Schade, dass Britt Daniel nicht die Cover dieser Welt ziert, sondern Dirk von Lowtzow. Wer hat denn hier was zu sagen? Verweigerung!
George Martin’s Geist schwebt in deinen Einbauschrank und schließt von Innen ab. Die Gitarrenspuren ziehen Mono-Kreise und Daniel singt, als würde er unter deiner Dusche stehen. Ist der Song für dich vorbei, beginnt er für Spoon erst. Sie leben in Outros weiter. Zwei, drei eindeutige Hits zucken durch dieses clever angelegte Stück Rock. Wie im Zufallsprinzip wechseln Mollakkorde zu knalligen Dur-Schönheiten. Daniel brüllt um sein Leben. Wie ein Löwe mit gestutzter Mähne.
Die Gitarre brät halbe Hähnchen auf der Hautseite an. Zur Vollendung werden sie ins Rohr geschoben. Echte Gefühle werden transportiert. Wahrhaftigkeit liegt über der Produktion. Manchmal weinst du, wenn wieder dieser Hook-Sprung kommt. Jedes Mal bist du auf’s Neue überrascht. Wie machen die das nur?
Spoon nutzen die einfachsten Mittel, um knackige, gradlinige Songs ins Langzeitgedächtnis zu katapultieren. Andere würden diesen bunten Ballon bis zum Platzen aufpusten. Spoon lassen lieber zwischendurch Luft ab. Einen Knoten braucht das Ganze nicht. Und einen Haken hat es auch nicht. Und wenn, dann nur um Verknüpfungen festzumachen. Durch Spoon hast du wieder ein wenig Rebellion zurückgewonnen. In der Mittagspause setzt du dich mit deinem blanken Hintern auf den Fotokopierer. Geht doch!

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