Surfer Blood – Astro Coast

Oh, da ist es wieder dieses Vampire Weekend-Gefühl! Alle Mann über die Reling. Gitarrenbands haben ihre Eintönigkeit satt und suchen nach unentdeckten Sandbänken. Jeder schlürft zur Zeit gerne an Mandelmilch und sammelt auf Flohmärkten Afro-Beat-Utensilien. Deine Peergroup twittert wie wild. Früher wurde Jimi Hendrix als Gitarrengott verehrt. Heute wird schamlos Paul Simon auf Fragebögen gekritzelt. Die Hall-Gitarre scheppert doch so schön in Tobago. Wusstest du das nicht?

Der schnöde, bisweilen sogar stumpfe Gitarren-Rock der letzten Jahre reizt keinen Jeansjackenträger zu neuen Aufnähern. Viel lieber werden die alten Schergen auf irgendeinen Berg gestellt. Dort oben weht zwar ein eisiger Wind, doch richtige Männer halten das auch ohne Ohrenwärmer locker aus. Nur runterkommen wollen sie nicht ohne ihren Zivi. Dinosaur Jr.-Konzerte werden lieber besucht, als eine kleine Myspace-Combo auf Bottle-Parties. Alle warten auf Pavement oder feiern mit Johnny Marr dessen Auftritte mit den Cribs oder Modest Mouse. Surfer Blood stehen da mit vielen in der Warteschlange. Das Ticket ist gültig, doch auffällige Laptops verzögern das Boarding.
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Florida bleibt ein beliebtes Reiseziel. Bikini-Girls endlich mal hautnah erleben. Null Schwangerschaftsstreifen wohin das Auge reicht. Diese sonnige Unbeschwertheit liegt den Rockern um John Paul Pitts, wie eine Last auf den mit Schuppen übersäten Schultern. Was kann man nur machen, wenn jede Songidee eine Single abwirft und flockig Mädelsbeine zum Tanzen bringt? Sich wehren? Das Leben bleibt in der Popwelt ein Sahneschlecken. Mit oder ohne Surfer Blood.
Jedes Surfbrett ist gebaut worden, um Glücksgefühle zu transportieren, nicht um Haie anzulocken. Nicht jede Welle ist ein Tsunami, aber auch nicht immer perfekt. Surfer Blood sind nett. Klingt fies! Sie machen Spaß. Klingt auch fies. Können spielen. Haben Hits. Okay, ich versuche es mal anders.
Liebst du Gitarren-Rock der alten Schule? Ist Lou Barlow dein Vorbild? Hast du in Indie-Discos schon mal allein auf der Tanzfläche getanzt? Hast du mindestens zwei Pearl Jam-Platten? Schon mal mit den Armen in der Luft Songintros begrüßt? Schämst du dich für eine Bierdusche? Surfer Blood können Studentenparties aufmischen und lieben diese blonden Dumpfbacken mit den aufgeblasenen Dingern. Geht es dir dreckig, schmeisst du das College-Radio an und jedes Lied kann dich retten. Auch Surfer Blood stehen auf der Playlist. Sie müssen nur ihren Flug kriegen. Sicherheitscheck hin oder her. Die Jungs wollen nur spielen.
Astro Coast” ist eine bunte Tüte mit alten Leckerlies. Zu viel davon und du musst mit ‘nem flotten Otto rechnen. Doch manchmal giert dein Karies nach ollen Geschmacksrichtungen und dein Abschlussball-Date ist nach zwei Gläsern Bowle voll. Schmeiss “Astro Coast” in den Player und küsse zum letzten Mal wie ein Teenie. Fahr’ mit dem Skateboard zum Job, aber denk dran Abends wieder schön Thomas Bernhard lesen!
Erschienen bei Kanine

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