Owen Pallett – Heartland

Der Violinenkasten ist mit unzähligen Aufklebern beklebt. Das die Fluggesellschaften auch immer so resistente Dinger nehmen müssen. Wie oft wohl schon Owen Pallett an diversen Flughäfen dieser Welt an der Sperrgutausgabe stand und schwitzend und trippelnd auf sein Schätzchen gewartet hat? Das man auch immer sein liebstes Stück nicht mit in den Flieger nehmen darf. Doch bis jetzt ist immer alles gut gegangen. Nach ausgiebigen Touren mit Arcade Fire und den Hidden Cameras war es an der Zeit, auch mal was für das eigene Gemüt zu tun. Die Welt war bereit für große Arrangements und Geschichten aus Traumländern. Nimm uns mit ins Abenteuerland.

Vier Jahre sind nun schon seit den gepupsten Wolken vergangen. In der Zwischenzeit hat Owen für jeden, der nicht bei drei Van Dyke Parks angerufen hat, gearbeitet. Mit Stift und Partitur ging es um die Welt. Wo ein Pünktchen auf einer Note fehlte, malte Owen eine mollige Tante auf’s Papier. Sein Talent gehörte den Anderen. Jeder schmückte sich mit seinem Namen. Der Jungspund putzte Klinken mit dem Violinentuch. Final Fantasy lebte nur noch in der Phantasie. Und jetzt ist der Name auch nur noch ein Computerspiel.
Nun meldet er sich mit „Heartland“ zurück. Vieles hat sich nicht verändert. Immer noch untermalt sein dünnes Stimmchen groß angelegte Arrangements. Die Loops drehen sich im Kreis und Störgeräusche brechen herein und nehmen der Sonne das Lächeln aus dem Gesicht. Doch Owen sollte wissen, dass der Zauberer von Oz nur noch auf den Namen Rufus Wainwright hört. Anmutung bleibt oft nur Vermutung. Nachtschattengewächse halten sich die Ohren zu. Der Club ist nach wie vor Straßenzüge entfernt, obwohl auf dem Weg immer wieder einige Läden geöffnet haben, bleibt die Afterhour für Owen nur ein Schäferstündchen.
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Die Konzertsäle sind Austragungsort. Der Duft von frisch gebohnertem Parkett liegt ihm in der Nase. Macht süchtig! Moment, da klopft es am alten Grammophon. „Just Like Honey“ möchte herein und verteilt Rosenkränze. Husch, husch, konvertiert wird woanders. Hier werden keine Glaubensbekenntnisse überdacht.
Nach der Orchesterprobe bleibt noch Zeit für einen Bummel. Zuckerwatte gibt es am Straßenrand. Owen nimmt natürlich die Rosane. Clubbetreiber mit Sonnenbrillen warten mit Bodyguard-Anhang auf das Wunderkind. Ja gut, ein, zwei kurze Ausflüge könnten drin sein. Man will ja nicht der Presse in die Hand spielen. So wäre das einzige Manko auch aus der Welt geschafft. Denkste! Owen möchte so viel, manchmal mehr als nötig. Jedes schön angetriggerte Kleinod wird mit Schmalz und Rouge verschlimmbessert, doch seine Fans kleben an seinen Lippen und jauchzen bei so viel Dramatik. Er spricht aus unseren Herzen! Schwachsinn! Wer wohnt schon in Spectrum, dem erfundenen Königreich? Mein Prinzessinenkostüm ist schon Jahrzehnte vergilbt. Einen Zauberstab wünsch ich mir, dann würd’ hier alles ganz anders aussehen.
Das Orchester spielt getreu vom Blatt. Auf einigen Tönen sind Rotweinflecken oder ist es Blut? Tänzelnde dicke Ballerinas spielen Bäume und Owen gibt den queeren Vogel, der nach jedem Popkörnchen pickt, das verloren im Orchestergraben liegt. Das Mittelalter teilt er mit Dorfnachbar Patrick Wolf. Da haben sich aber zwei gefunden.
Der Elektromagnetismus, der hier an den Liedern klebt, sitzt ihm im Genick. Die Bedeutungsschwangerschaft lässt Owen aufblähen und seine Gier nach Gewürzgurken kann auch eine Wall Of Sound mit Scott Walker-Schattenspielern nicht dämmen. Die ganze Farbpalette fällt auf den Boden und Pallett fährt mit dem Violinenbogen durch die Sauerei. Jedes Plockern und Wummern zerfällt in Plattitüden.
Hier blüht die symphonische Umsetzung des amerikanischen Traums. Der Wandel vom Violinen-Zauberkind zum strahlenden Popstar-Engel gelingt nur bedingt. „Heartland“ ist Musik für Analytiker und Märchenonkel. Der Spagat zwischen Avantgarde und Pop hat Owen die Hose zerrissen. Man kann seine Unterhose erblicken, und die ist nicht sehenswert.
Erschienen bei Domino

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