Ahleuchatistas – Of The Body Prone

Dem Math-Rock wurden schon länger nicht mehr die Wurzeln gezogen. Eine sterile Zange lässt ihren Frust in den Kiefern der Welt raus. Eine professionelle Zahnreinigung gehört zur Avantgarde. Ein Genre, das schon länger brach liegt erfährt eine Wiederauferstehung, ohne sich dabei unbedingt in den Mittelpunkt zu stellen. Ohne Betäubung werden Niere und Leber entfernt. „Wenn Sie schon mal da sind!“. Nur Spezialisten dürfen sich die Arme bis zum Ellenbogen waschen und in Gummihandschuhe schlüpfen. Die Ahleuchatistas sind Experten.

Ein Rock-Kongress ohne diese Jungs wäre ein Alice Cooper-Konzert. Sie wickeln ihre Metren in staubige alte Teppiche und schmeissen diese aus dem dritten Stock. Alle Kongressteilnehmer staunen. Der Aufzug wäre doch groß genug gewesen! Der Aufprall lässt alle Milben durch die Luft wirbeln. Primzahlen flüchten vor so viel Komplexität. Eine Kurvendiskussion wird angezettelt.
Den Taktstock schwingt der ausgeblichene Rock und hebt den altbekannten Stumpfsinn, der nur aus fliegenden Haaren und Angeberposen bestand, in neue Darstellungsformen. Das typische Rock-Trio wird zur Wundsalbe. Fett eingecremt humpelt es über Krankenhausflure. Das Distortion-Pedal wartet immer am Empfang und wird von Sprechstundenhilfen nur auf Nachfrage zur Beruhigung gereicht. Die Nachtschwester ist ein Mann.
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Jede Probe wird zur Impro-Show ohne Feuerwerk und Spirenzchen. Der Tempomat wird aus dem Führerhaus verbannt. Jazz ohne Kühlpack und wiederholende Fahrstuhlromantik. Man nimmt eh lieber die Feuertreppe. Die Dissonanz wird auf die Spitze getrieben und mit Gitarrenläufen gefüttert, die nur für Drummer Ryan Oslence als Gerüst dienen. Er sitzt im Krahn und bewegt die Hebebühne. Shane Perlowin fährt mit dem Gitarren-Bulli vor. Jeder Gitarren-Rowdy winkt dankend ab. „Da würde ich mich ja kaputt arbeiten!“.
In den Nachrichten sprechen sie von einem Wirbelwind. Der Name ist für den Wetterfrosch nicht auszusprechen. Zum Glück blenden sie ihn ständig ein. Ahleuchatistas, eine Windhose mit Aufnähern auf der Gesäßtasche zieht durch die USA und hinterlässt eine Katastrophe. Brad Pitt spendet mal wieder Privatgeld, aber nur weil Angelina früher mal auf abgefahrenen Sex stand und John Zorn übernimmt die Telefonseelsorge. Freejazz hatte dem Math-Rock mal zur Seite gestanden. Doch in so finsteren Zeiten lehnt auch dieser Reformierungen kategorisch ab. John Zorn schaut in seinen Veröffentlichungskatalog. „Neben meinen Veröffentlichungen ist noch Platz.“ Die Jungs werden aufgenommen.
Es werden wohl leider keine Merchandise-Produkte angefertigt, obwohl ich mir wünschen würde mit Ahleuchatistas-Kaffetassen im Starbucks aufzuschlagen, um laut „Gesundheit“ zu rufen. Spanisches Radio unterbricht das Gewitter. Wer braucht schon einen Sänger? Die Gitarre kreischt die schönsten Geschichten.
Krachgebilde werden zu einer Leinwand auf der Schattenspiele veranstaltet werden. Keine lustigen Tiere, kein Krokodil frisst die Fledermaus, sondern ein Mittelfinger reicht, um Theater zu machen und als der Applaus nach Minuten verebbt sitzen die Jungs schon wieder im Proberaum und schnitzen sich einen Sulki. Morgen geht es auf die Rennbahn…
Erschienen bei Tzadik

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