Laura Veirs – July Flame

Laura Veirs hockt bei der amerikanischen Version von Fielmann und wartet auf ihren Berater. Der Kaffee ist kalt und die Betriebsamkeit im Geschäft lässt sie unruhig auf dem Stuhl hin und her rutschen. Nach zehn Minuten ist immer noch kein Mitarbeiter an ihren Tisch getreten, so dass sie beschließt zu gehen. Es ist Samstag Mittag, also Flohmarkt-Zeit. Drei Straßen weiter sind auch schon die ersten Tapezier-Tische und Kinder auf Decken zu sehen. Laura entdeckt einen großen Teddybären und handelt den Preis auf Schnäppchen-Niveau runter. Eigentlich sucht sie ja eine neue Brille, doch Laura ist eine Frau. Auch andere schöne Dinge bleiben ihr nicht verborgen.
An einem Stand mit Blusen, kauft sie sich ein rot-weiß-kariertes Country-Blüschen. Am nächsten Tisch werden alte Faltenröcke für Indianergeld feilgeboten. In einer transportablen Umkleidekabine probiert sie einen an. Ein Traum! Ihr Verstand meldet sich zu Wort:“Brille!“.
Laura zahlt schnell den Rock und schlendert weiter. Eine alte Omi sitzt im Campingstuhl und rollt ihre Münzen. Ob sie alte Nerd-Brillen hat? Sie hat und was für welche. Laura ist verliebt. Einige Gestelle müssen schon über fünfzig Jahre auf dem Höcker haben. Die Schwarzen sind die Schönsten. Sie entscheidet sich für eine „Studentinnen amerikanischer Geschichte“-Brille und feilscht schon nicht mehr. Der Omi gönnt sie jeden Cent. Ein Blick auf die Uhr lässt sie stutzen. Gleich ist Probe, sie muss sich beeilen.
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Sie schafft es gerade so. Die Jungs haben schon aufgebaut. Laura hängt sich die Akustische um und macht Plopp-Geräusche am Mikro. Ihre neue Brille wird ohne Gläser auf die Nase gesetzt. Das Auge probt schließlich mit. Das Licht wird gedimmt. Ein Fingerpicking durchflutet den Raum. Die Dunkelheit macht traurig. In der Ferne hupen die Pick-Ups an dieser Mörder-Kreuzung. Laura singt selbstvergessen von anhaltenden Regen.
Tucker Martine entstaubt die Traditionen und schenkt Laura auch mal eine Lichtung. Doch der Wald mit verhuschten Tieren und verloren gegangenen Lieben bleibt der Mittelpunkt. Nichts wird in 3D gefilmt. Verziert wird mit Tusche und, wenn diese mal nicht zur Hand ist, mit einem stumpfen Bleier.
Das Licht geht an, die Jungs haben genug. Laura pickt genüsslich weiter. Ein Finale bedeutet den Triumph auskosten. Draussen rauscht das Partyvolk über den Boulevard. Schwermut wird in den Gitarrenkoffer gepackt. „Wann treffen wir uns morgen?“ „Gegen Mittag!“ Die Jungs werden eh vor Laura da sein, um schon mal Folkpop in den Flokati zu ritzen. Mal sehen wie schnell sie Gläser einsetzen lässt. Manchmal vergisst sie das und rennt wochenlang nur mit dem Gestell rum. Fein nuancierte Zerstreutheit. Ob darauf das Musikbiz gewartet hat? Versteckspielen macht keinen Sinn mehr. Zuversicht kann auch schon mal nach frisch gemähtem Rasen riechen. Also, ihr Allergiker, schließt nicht die Fenster und atmet kräftig ein!
Erschienen bei Bella Union/Cooperative

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