Klassiker: King Crimson – Red

Einst stellte das Etikett Jazzrock eine fiese verbale Kleinkaliberwaffe dar. Schleuderte man der leidenschaftlich gehassten Band seiner Wahl derart ungeteilte Verachtung entgegen, konnte dieser Angriff nur mit der noch furchtbareren Classik-Rock-Keule adäquat retourniert werden. Man schaue sich all die schönen Einschusslöcher der Häme in den Rezensionen von Gruppen wie Deep Purple oder The Nice an.
Gegen beide Waffensysteme waren die Bewohner einer Londoner WG namens League of Gentlemen jedoch gefeit. Als Hauptmieter und Gitarrist Robert Fripp 1969 für ein Live-Konzert im Fulham Palace Cafe zusammen mit den Herren Lake, Giles, McDonald und Sinfield die Gruppe King Krimson gründete, stellte sich ebenso explosionsartig chartsplazierter Erfolg ein, wie das noch im selben Jahr erschienene Debutalbum „In the Court of the Crimson King“ das Genre Progressive Rock mit bis dahin unerhörter Qualität untermauerte.
Es folgten fünf ebenso leidenschaftliche wie ziellose Jahre, in denen einzig Küchenchef Fripp den Magierstab zwischen den Polen Jazz und Rock mit immer deutlicher werdenden Verschiebungen hin zu mehr Improvisation würdevoll, aber Kräfte zehrend, in der Waage hielt. Jahre, in denen weitere 6 Alben in teilweise hysterisch wechselnden Besetzungen erschienen. Alben, die den Begriff Dynamik im Rock neu eichten. Alben, die das Arbeitsprinzip Improvisation mit dem Format Studioalbum in Einklang brachten. Alben, die dramatische Steigerung auf eine breitere Skala hievten, ohne je zu überreizen.
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“Red”-Lineup: John Wetton (Bass, Gesang), David Cross (Violine), Robert Fripp (Gitarre), Bill Bruford (Schlagzeug);
King Krimson trauten sich an Stille und Flüstern, an Schwelgen und Schwellen. Um dann um so eindrucksvoller mit der jeder Zeit frei justierbaren Waage zwischen Harmonie und Disharmonie improvisierend zu konterkarieren. Sie fuhrwerkten als Druiden in Bulldozern auf den Feldern Hardrock und Poesie, Folk und Jazz. Das Liedhafte kam auch vor, und wurde vertreten von einem Barden mit manchmal keltischem Zungenschlag und geheimnisvoll schimmernden Sitz im hinteren Parkett. Denn Gesang ist immer nur eine kleine Creme-Schicht der karminroten Bombast-Torte. Mellotron, solierende Streicher und Bläser waren gleichgestellt und durften ebenso kalorienreich fabulieren und schichten. Sentimental, aber immer nur bis zur nächsten Brechung. So blieb das dramatische Gleichgewicht der Gigantomanie ihres musikalischen Totaltheaters jederzeit gewahrt.
Bis 1974, dem Erscheinungsjahr von „Red“. Hier kulminieren noch einmal alle Stärken. Die Spannungsbögen und Anziehungskräfte abseitigster Gitarrenakkordschemen prallen auf den zerbrechlisten Flüstergestus einer einsamen Violine („Providence“). Improvisation und Steigerung finden ihr endgültiges Denkmal in dem 12-minütigen „Starless“. Und das Titelstück „Red“ weist weit hinaus in die späten 1980er auf Gruppen wie Slint und auf ein weiteres Monstrum: Postrock.
So schien alles gesagt zu sein, für lange Zeit. Abschiedstour und Auflösung noch im selben Jahr waren folgerichtig. Danach Stille, später viel bibliophile Reunions und Museumspflege.
Red ist 1974 bei Island Records erschienen.

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