Vampire Weekend – Contra

Die Segelschuhe liegen auf Deck. Die Jungs sind barfuß in den Tiefen der Bark abgetaucht. Unten gibt es Häppchen und Prickelbrause. Ihre Pullunder haben sie lässig über die Schultern geworfen. Die wenigen Brusthaare wurden bei “Wax in the City” entfernt. Schnell noch ein paar Tropfen Creed auflegen, denn gleich kommen potenzielle Sexualpartnerinnen. Das Paul Simon-Poster wird eifrig mit Fischer-Netzen verschönert. Der Sommer guckt über die Reling.
Die Indie-Gitarre wurde als Anker benutzt. Worldmusic-Fähnchen schmücken den Mett-Igel. New York dient nur als Visitenkarte. Das Herz ist längst in California an Land gegangen. Taxifahrten müssen Brückenüberquerungen beinhalten, sonst lohnt sich der ganze Aufwand nicht. Nach zwei Jahren des Stillstandes gibt es nun das skatmäßige „Contra“. Reizen bis aufs Blut.
Endlich sind die Schönheiten da. In ihren Körbchengrößen liegen massenweise Horchata-Tetra-Packs. Strohhalme reicht uns der Skipper. Mit Wodka kann das schon mal zu frühzeitiger Ejakulation führen. Obacht! „Bling-Bling“ machen die Girls und die Jungs tun so, als wären sie nur an Freundschaft interressiert. Das Vampir-Wochenende beginnt. Blutkonserven liegen im Eisfach.
Art Garfunkel taucht am Steg auf, wird aber von den Bodyguards abgewiesen. Melodiebögen schwallen auf und Kopfstimmen mimen High-Life-Exkursionen. Studenten halten mit ihrem Speedboot neben uns und fotografieren wie wild. Ist schon wieder Springbreak? David Guetta liegt mit seinem Boot gleich nebenan. Mein Gott, es ist doch nur Ezra Koenig, der hier den Kamm bläst.
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Die Mädchen schmeißen sich in Reggae-Bikinis. So langsam kommt Stimmung auf. Jeder Rhythmuswechsel lässt mich aufstossen. Seetauglichkeit ist nicht jedem gegeben. Die Kapitänsmütze wird an mir vorüberziehen. Vampire Weekend greifen nun zu neuen Tauen, sie knoten die hübschen Beine der Girls zu tollen Verrenkungen. Rock ist tot! Polyphon torkelt der Kellner zwischen uns durch. Die erste Blutkonserve wird angezapft. Ich winke dankend ab.
Neben Rocksteady gibt es nur noch wenig Platz. Alle wollen sie. Ich setze mich trotzdem. Mein Doktortitel überrascht sie ein wenig, doch meine Chirurgen-Hände überzeugen. Einen Zungenkuss später holen Vampire Weekend zum Zapfenstreich aus. Pianoklänge trippeln über Baile Funk. Mir bleibt das Herz stehen. Auch Rocksteady erkennt allmählich den Betrug, sie flüchtet schnell zu einem echten Akademiker. Verpasste Chance untermalt mit Streichern.
Die Erwachsenenwelt hält nicht viel von Wortakkrobaten ohne Netz und doppelten Boden. Ich nehme den letzten Schluck meiner Horchata und lasse die Jungs mit den Bräuten allein. Oben an Land steht immer noch Art Garfunkel und wettert. Man hätte vergessen, dass auch er Paul Simon kenne und dass nicht zu knapp. Ich schlage ihm einen Deal vor. Der nächste Drink geht auf mich, wenn er seinen Sohn aus den Medien fernhält. Er willigt kopfschüttelnd ein. Der leckerste Cuba-Libre seines Lebens geht auf meine Kosten.
Erschienen bei XL/Beggars

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