Espers – III

Du trocknest die gesammelten Kornblumen in einem Buch. Ob auf dem Klappentext „Moby Dick“ steht, interessiert dich nicht. Dick und schwer muss es sein. Genau in die Mitte legst du sorgfältig deine Blümchen. Der Duft der frisch gepflückten Naturschönheiten lässt dich mit einem wohligen Gefühl zurück. Du brühst dir ‘nen alten Männer-Tee auf und schlüpfst in deine Hüttenschuhe. Früher hast du in die Schul-Poesiealben unter Musik immer „Mike Oldfield geschrieben. Zu weich für diese Welt. Ein Träumerle vor dem Herrn.
Marihuana konntest du immer nur flüssig zu dir nehmen. Geraucht hat höchstens dein Kopf, vom vielen Nachdenken. Nach Mike Oldfield brauchtest du eine Veränderung. Du wagtest dich an richtigen Prog-Rock. Auch der sogenannte Freakfolk der letzten Jahre hat dir so manche bunte Stunde bereitet. Die Espers waren da auch mal auf dem Plattenteller, doch ihre kammermusikalischen Ausflüge und psychedelischen Variationen machten dir zwischenzeitlich Angst, so dass du wieder an den Hippie-Schrank geschlurft bist, um eine alte Santana rauszuziehen.

espers
Der Schneidersitz ist deine Lieblingsposition. Wenn du einmal sitzt, können auch schon mal Stunden vergehen. Deine Wege in die Stadt lassen dich desöfteren auch mal in einen Plattenladen verirren. Eigentlich kaufst du nur auf Trödelmärkten oder auf Ebay, doch manchmal brauchst du einfach den Kontakt zu Fachpersonal, um diese mit vorgesummten Melodien zu nerven, die diese dann musikquizmäßig zuordnen sollen. In deiner Heimatstadt kennt dich jeder. Beliebt bist du dadurch aber leider nicht.
In deinem Lieblingscafe liest du täglich den Kulturteil und kritzelst dir auf kleine Zettelchen die neuesten Veröffentlichungen. Die Espers haben mal wieder ein Album gemacht. Du liest, dass es nun nicht mehr so „abgefahren“ klingen soll. Das könnte wieder was für dich sein. Du zahlst dein Leitungswasser mit den Worten „ Stimmt so“ und wirfst dich in deinen Daunenmantel. In dem kleinen Plattenladen an der Ecke wirst du nachfragen und reinhören.
Natürlich hat das gut sortierte Geschäft die Espers sogar ausgestellt. Du greifst zu dickem Vinyl. Die Kopfhörer sitzen ein bißchen eng am Kopf, doch dafür ist der Technics erste Sahne. Mit „I Can’t See Clear“ geht es los. Meg Baird erinnert dich an Joni Mitchell. Oh, ein Verzerrer zerbricht den Schunkelbeat. Du drehst die Lautstärke runter und hebst den Tonarm zum zweiten Lied. Zweistimmiger Gesang hat dich immer schon fasziniert. „Jau, endlich Prog-Elemente.“ Der Folk wird auf die nächste Ebene geschoben. Du wühlst in deiner Freitag-Tasche. Ist das „Moby Dick“-Buch noch da? Zum Glück, denn du bist ja so vergesslich.
The Road Of Golden Dust“ ufert aus und du träumst schon von Portugal-Diaabenden, denn nur Europa kennst du wie deine Westentasche. Caroline“ streichelt deine Seele mit Zirkulationen. Auch das Pop-Leichenhemd ist hinten offen, um ein bißchen Luft an den Pöter zu lassen. Dein Fuß wippt im Takt. So laut, dass die anderen Besucher böse herüber schauen. Das ist dir egal. Ey, dass ist der Folk, den das Genre brauchte, um aus der Belanglosigkeit zu türmen. Zurück in die sechziger Jahre, als Fingernägel noch einen guten Gitarristen ausmachten und nicht Effektgeräte.
Dir reicht dieser erste Eindruck. An der Kasse holst du dein Buch aus der Tasche und legst eine Kornblume auf den Tresen, doch deine Währung zählt hier nicht. Gut, ein wenig Papiergeld hast du noch und zahlst brav. Du hütest das neue Espers-Album auf deinem Nachhauseweg wie einen Schatz. Ob du noch die alte Geige im Keller findest? Was die in Philadelphia können, kannst du doch auch. Dir fehlt nur noch ein Gesangspartner. Du wirst mal bei den Nachbarn klingeln und fragen: „Lust auf Meta-Folk?“
Erschienen bei Wichita/Universal

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