Chris Garneau – El Radio

Das Harmonium holt tief Luft. Streicher setzen sich auf den Fenstersims. Die weißen Tasten des Pianos werden behutsam berührt. Trägt er etwa Handschuhe? Nur nicht zu viel Aufsehen erregen. Tusch! Chris Garneau betritt den Waschkeller. Ganz in schwarz gekleidet hält er seinen Wäschesack in den Händen. Hier wird heute sauber gemacht. Tiefenreiniger inklusive. Im Radio ertönen die Wetterberichte. Mit dem Weltempfänger ist es kein Problem alle Standorte einzuhören. Die ersten drei Aprilschauer ziehen mit Geigengefiedel und Pianowindböen vorüber. Chris Garneau haucht seine Befindlichkeiten über den Ozean. Eine akustische Gitarre übersteht den ersten Regen unbeschadet und Elliott Smith versteckt sich unter dem Vordach.
New York braucht seine Exzentriker. Chris, als Dramatiker bekannt, hält den Sommer zusammen. Mit und ohne Schlagzeug. Die Pathosbibel wird aufgeschlagen und mit Xylophonen beklöppelt.
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Natürlich ist das Piano von erhabener Schönheit und Garneau mimt die Diva. Unverstanden und kurz vorm Abschminken. Herzschmerz wird zu Weltschmerz. Und der Sommer tritt die Heimreise an. Chris ist die beste Elliott Smith-Kopie mit eigener Identität. Nach “Music For Tourists” ein neues Rührstück.
Der Herbst und der Winter zeigen in aller Deutlichkeit ihre Dunkelheit und Bedrohung. Gefühle werden durcheinander gewirbelt. Hoffnung heißt oft Trost.
Piraten tragen keine Augenklappen mehr, sondern Maschinengewehre. Chris Garneau überholt Chan Marshall im Tretboot. Wo sie schon vor Wong Kar Wais “Blueberry”-Cafes rumlungert, sitzt Garneau noch gemütlich in kleinen Schwulen-Cafes in Brooklyn und schlürft aus den Fässern mit Gefühlssuppe. Schmeckt!
Erschienen bei Fargo

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