Emily Jane White – Victorian America

Frau White füllt ihren Rucksack mit Steinen. Nur die dicken, schweren sind brauchbar. Sie zieht den Reißverschluss zu und schlüpft in ihre Wanderstiefel. Es kann los gehen. Auf ihrem Weg legt sie mit den Steinen Mahnkreise in die Natur, ähnlich wie Land-Art Künstler Richard Long. Ein schneller  Schnappschuss genügt und die Reise wird fortgesetzt. Es geht immer tiefer in den Wald. Es wird dunkler und bedrohlicher. Die Kälte ist schwer auszuhalten. Ob sie die Nacht übersteht?
Emily Jane White stimmt ihre Gitarre. Sie hat lange, epische Songs vorbereitet. Humorlos vorgetragen sitzt sie mit der Taschenlampe in einem ihrer Werke und kiekst sich den Magen aus dem Leib. Ihre Band stößt hinzu und hängt die Bäume mit schwarzen Vorhängen ab. Düster ist das neue Laut. Country ohne Viehbauer-Romantik.
Zum Lachen fährt Emily mit dem Treppenlift in den Keller und wenn sie fertig ist, hat sie Kohlen mitgebracht. Folk für Kaminbesitzer und Schwarzseher.
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Ein dunkles Cello, weinende Geigen und verzerrte Gitarren spiegeln sich im Moor. Fackeln werden in den Boden gerammt. Geschichten werden zu Legenden und Leidenschaften zu Erinnerungen. Früher war eben auch nicht alles besser. Emily Jane White ist geboren, um uns Tragik und Kummer im Schlafzimmer zu verkünden. Sie schreibt betörende Songs. Sehr konservativ, doch im Ganzen sehr faszinierend. Schon zu Cam Archers “Wild Tigers I Have Known” steuerte sie einen fantastischen Track bei.
Ein American-Songbook ohne Sonnenstrahlen oder Schmetterlingen im Bauch. Als wir auf dem Rückweg an den von ihr gelegten Steinkreisen vorbei gehen verweilen dort die Cowboy Junkies und covern Cat Power. Maria Magdalena lässt uns kurz erstarren, doch sie winkt uns durch. Emily Jane Whites Dunkel-Folk hinterlässt viele kleine Schnittwunden. Und jede Schramme erzählt eine Geschichte. Poesie für Angeknackste. Zum Sterben schön…
Erschienen bei Talitres

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