Klassiker: Cocteau Twins – Treasure

Ein auftrittsscheues schottisches Trio hatte schon ungefähr zwei Jahre in seinen tiefen Kammern an einem ätherischen Sound geschliffen, bevor es den ersten Vertrag bei 4AD unterschrieb und zu einem jener Acts wurde, die New Wave romantischer Prägung zum charakteristischen Profil dieses Labels machten.
Gitarrist Robin Guthrie, Bassist Will Heggie und Sängerin Elisabeth Fraser verzichteten von Beginn an auf die Integration eines Schlagzeugers, eine Entscheidung, die Ende der 70er Jahre immer häufiger von Bands getroffen wurde. Also wurden die Cocteau Twins Rhythmusmaschinen-Fetischisten, was neben dem einzigartigen Gesang Elisabeth Frasers wohl das am stärksten hervorstechende Element ihrer Klangpalette war. Harte Drum-Machines im Dauereinsatz gegen vokale Schönheit ergaben so etwas wie “The Beauty and the Beast of New Wave”. Auf den frühen EPs und Alben waren es entweder der Klassiker Roland TR 808 oder eine Linn Drum, die hektisch, undynamisch und erbarmungslos, entnervenden Uhrwerken gleich, vor sich hin plockerten. Darüber, scheinbar beziehungslos in anderen Spähren verfangen, aber dennoch mit verzauberndem Elfenschaum dem Maschinellen erfolgreich Widerstand bietend, die enigmatischen Entäußerungen einer Sirene. Ein ebenso attraktiver wie verstörender Kontrast, als Aushängeschilder der Hochzeit des New Wave zu hören z.B. auf der EP „Peppermint Pig“ wie auch auf dem ersten Album „Garlands“.
Cocteau-Twins
Für „Treasure“ wechselten die Zwillinge im Geiste den Bassisten (Simon Raymonde kam neu hinzu) und die Rhythmusmaschine. Sie entschieden sich für einen Drumulator von EMU, eine kluge Wahl, nicht nur wegen der John-Bonham-Sample-Edition. Denn obwohl die dampfenden Schlagzeugsounds brachialer und etwas realistischer waren als zuvor, wichen Schärfe und Hektik aus der Musik der Cocteau Twins. Erhabenheit, Exotik und Kryptographie wurden ihre neue Zier.
Die Schleier der Salome verhängen das sehnsuchtsvoll Erwartete, das Kostbare und das zu Bewahrende. Die Geheimnisse sind es, die die Elixiere des Lebens tragen. Die Songtitel tragen allesamt Personennamen. Namen aus der griechischen Mythologie, Namen aus 1001 Nacht, Namen mittelalterlicher Prinzessinnen. Loreley, Persephone, Pandora, etc.. Die Schleier der Unverständlichkeit liegen auch über den Vokalakten. Elisabeth Fraser hatte sich so etwas wie ihr eigenes Primadonnen-Esperanto entwickelt und schichtete ihre Stimmen wie Schemen der verzückten Unverständlichkeit über und übereinander, als sei sie die tänzelnde Reinkarnation Roxanes, der Mutter aller Verführerinnen.
Ebenso wie die Stimmen, so wurden auch die Gitarrenspuren mehrfach übereinander geschichtet. Von effektierten Schwebesounds und Loops, über elektrische Sologitarren, bis zu typischen geschrammelten akustischen Rhythmusgitarren wurden eng ineinander greifende Flechtwerke mit harmonisch nie trivialen Rückungen entwickelt.  Das alles wurde ausgeschmückt mit Tambourine, glockigen oder spinettartigen Synthesizer – und Klavierklängen. Schillerndes und schimmerndes Traumlandschafts-Liedgut, zukunftsorientiert, romantisch und stilvoll zugleich, wegweisend in ferne Länder und auf noch fernere Zeiten, oder zumindest die Sehnsucht danach.
Der letzte Albumtrack heißt Donimo, obwohl ich noch heute “Monica” aus Frasers Gesängen heraus zu hören glaube; die unübertroffene Hymne selbstbewußter Feierlichkeit. Romantik, die nie weinerlich oder gar selbstmitleidig ist, sondern energiegeladen und stolz. Elisabeth Fraser schleudert sich im Duett mit sich selbst auf einem Kettenkarussell in schwindelnde Extase. Alles dreht sich in eine neue Zeit, schön und einsam durch eine laue Sommernacht. Hier feierte sich insbesondere auch ein neues weibliches Selbstbewusstsein, das späteren Chanteusen wie Ofra Haza, Sinead O’Connor, Tori Amos und Björk den Weg bereitete.
Treasure ist 1984 bei 4AD erschienen.

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