Richard Hawley – Truelove's Gutter

Es zieht sich allmählich zu. Da braut sich wohl was Ordentliches zusammen und die ersten Minusgrade lassen dich schaudern. Schirme spannen sich in unfassbarer Schnelligkeit wie von selbst auf und bevölkern die Innenstädte. Pudelmützen und Daunendecken bringen Gemütlichkeit an die Kaufhauskassen. Der Sommer ist rum.
So langsam sollte man die Sonnenbrille in den Flurschrank verbannen. Hawley behält sie natürlich auf. Er braucht die getönten Gläser als Sehhilfe und, um die Spuren der vielen Tränen der letzten Zeit zu verbergen. Gespart wird an der Instrumentierung, nicht an den Instrumenten. Alles klingt unglaublich teuer und glänzt “gülden” in der Nacht. Hawleys Musiker besitzen nur einen amtlichen schwarzen Anzug, doch einen Koffer mit Schätzen des Instrumentenbaus. Irre!
Die Stimmung schunkelt sich tapfer durch Sinatra-Regengüsse und Countryfolk-Glandulae lacrimalis. Hawley kämpft um Anerkennung und um verloren gegangene Romanzen. Dies tut er hauptsächlich mit seiner Stimme. Sein Bariton fühlt sich unfassbar warm an, so dass man beim Hören sofort die Heizung kleiner dreht. Traurig und ungemein sexy. Der Rotwein atmet noch, während du das Sauerstoffzelt suchst. Zwei Zehnminüter fallen bei diesen acht Zimmerpflanzen aus dem Rahmen. “Remorse Code” holt die Lap Steel aus der Besenkammer und eine Zwölfsaitige verursacht “Drones” der Beklemmung.
Die Stadt Sheffield klappt die Bürgersteige hoch, wenn Richard sein Domizil verlässt. Spucke, Tränen und Blut gehören nicht auf den Gehweg. Für die Liebe würde er sogar weniger trinken und das Rauchen fast ganz sein lassen. Bleib stark!
“In those white lines made your eyes wide. Unenlightened lies in those white lines.”
Die Dunkelheit umhüllt unseren Antihelden und die singende Säge wabbert. Tragödien warten an jeder Bushaltestelle, stehen nach Heftigkeit geordnet in der Schlange. Alle mit gültigem Ticket. Obskure Instrumente werden in die Nacht geschickt. Mit ein wenig Indianergeld in der Hosentasche. Die Erwachsenenwelt ist so brutal und bitter und Hawley verprügelt sie mit vertränter Schönheit. Einfach und wunderbar.
Der zweite Zehnminüter “Don’t You Cry” treibt alles auf die Spitze und hinterlässt eklige Narben. “Run and hide”. Nein Richard, bleib stehen und nimm nicht immer den “Whisky To Go”. Du hast ein neues zu Hause gefunden. In meinem Herzen…
Erschienen bei Mute

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